DAS POLITISCHE BUCH: Alltagsgeschichte der DDR

GUNTHER HARTWIG 09.10.2013

Stefan Wolle: "Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1949-1989." Ch.Links Verlag, Berlin. 1360 Seiten. 59,90 Euro.

23 Jahre nach dem Ende der DDR hat der Historiker Stefan Wolle seine Trilogie zur Alltagsgeschichte des untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaats abgeschlossen. Sie widmet sich in jeweils eigenen Bänden den drei vom Verfasser unterteilten Epochen: 1949 bis 1961 ("Der große Plan"), 1961 bis 1971 ("Aufbruch nach Utopia") und 1971 bis 1989 ("Die heile Welt der Diktatur"). Entstanden ist ein ebenso informatives und lehrreiches wie gekonnt erzähltes Geschichtsbuch, das unter den bisher erschienenen DDR-Chroniken herausragt, weil es die Perspektive der Bürger in den Blick nimmt und nicht nur den SED-Staat und seine Institutionen beschreibt.

Wolle liefert kompetent kommentierte Zeitgeschichte, jeder Band wird von Prologen und Epilogen begleitet, die das Geschehen einordnen in einen Gesamtzusammenhang, der immerhin vier Jahrzehnte umfasst. Dabei erkennt der Autor einen für die DDR von der Staatsgründung bis zum Zusammenbruch des Systems typischen Widerspruch, nämlich den Gegensatz von Schein und Wirklichkeit: Hier die kleinbürgerliche Realität, dort der proletarische Anspruch, hier das konservative Festhalten an Herrschaftsstrukturen und Doktrinen, dort der revolutionäre Habitus, hier die "beispiellos militarisierte Gesellschaft", dort die Friedenrhetorik, hier das Demokratie-Etikett im Staatsnamen, dort die Unterdrückung von Freiheit und Bürgerrechten.

Wolles Verdienst ist, die DDR in seiner gelungenen Rückschau weder zu verdammen noch zu verklären. Er lässt Fairness walten gegenüber den ostdeutschen Normalbürgern, die sich in ihrer kleinen begrenzten Welt einigermaßen eingerichtet hatten, und bleibt in seiner Kritik an der Tyrannei des Staatssozialismus ebenfalls maßvoll.

Auch über zwei Jahrzehnte nach der Einheit gelingt es dem gelernten DDR-Bürger und wissenschaftlichen Leiter des Berliner DDR-Museums, seine Leser mit bisher unbekannten Anekdoten aus dem Alltagsleben zwischen Rostock und Zittau zu überraschen oder mit informativem Detailwissen über die SED-Nomenklatura, die Staatssicherheit und deren Zugriff auf die Kulturschaffenden.

Etwas stiefmütterlich behandelt der Autor dagegen den Sport in der DDR, der doch eine zentrale Bedeutung für das Selbstbewusstsein des Landes hatte, gewiss auch für die Erziehung der nachwachsenden Generationen. Doch das schmälert nicht Wolles Leistung und den Ertrag für den Leser.