Demo Das Pegida-Phänomen - eine Bewegung gegen die vermeintliche Islamisierung

Terrassenufer, Dresden: Vergangenen Montag protestierten diese Demonstranten gegen "die Islamisierung des Abendlandes".
Terrassenufer, Dresden: Vergangenen Montag protestierten diese Demonstranten gegen "die Islamisierung des Abendlandes". © Foto: dpa
Dresden / HARALD LACHMANN 08.12.2014
In immer mehr deutschen Städten gehen montags "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" auf die Straße. In Dresden treffen sie sich seit Ende Oktober. Die Gegenproteste nehmen zu.

Lutz Bachmann trat unlängst aus der Kirche aus: wegen deren "unsäglicher Asylpolitik" gerade in Bezug auf "kriminelle Flüchtlinge", wie er sagt. Der 41-jährige Fleischersohn aus Dresden lernte einst Koch und isst gerne Döner und Donuts. Seinen Unterhalt bestreitet er mit dem Verkauf von Würstchen. Nun ja, zuweilen bediente er sich auch am Geld anderer Leute. 16 Firmeneinbrüche zählt sein Strafregister beim Landgericht Dresden. Auch Körperverletzung und Fahren ohne Führerschein finden sich hier. Als ihn die Justiz zu insgesamt 38 Monaten verknackte, floh er 1997 nach Afrika. Drei Jahre später kehrte er freiwillig zurück, saß einen Teil seiner Strafe ab und stand bald erneut vor den Kadi: wegen Kokain-Besitzes. Seinem Sohn schuldet er Unterhalt.

Jetzt sei er aber sauber, sagt Bachmann, quasi ein solider Zeitgenosse "aus der bürgerlichen Mitte". Als Beleg führt er etwa seine regelmäßigen "Abendspaziergänge" an, vornehmlich montags entlang des Dresdener Elbufers. Dass ihn hierbei mittlerweile 7500 weitere Passanten begleiten, sieht er als Bestätigung dafür. Auch wenn er und seine Mitläufer bei ihrem Elbbummel meist demonstrativ schweigen, schreien sie eben damit ihren Protest heraus: "gegen kriminelle Ausländer" und eine vermeintliche Islamisierung der christlich-jüdischen Heimat. Selbst Christstollen werde man wohl bald nicht mehr so nennen dürfen, unkt der hünenhafte Mann, der stets an den Beginn seiner "Abendspaziergänge" eine kurze, markige Rede stellt. "Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Zuwanderern", ruft er dann lautstark, und Gattin Vicky ergänzt: "Hier in Dresden kann man seine Kinder nicht mehr auf die Straße lassen, vor allem nicht auf der Prager Straße, wo die ganzen ausländischen Drogenhändler stehen."

"Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", kurz Pegida, nennt sich die Initiative, die Bachmann einst via Facebook anschob. "Ich hätte nie gedacht, dass es so einschlägt", sagt er. Denn was Ende Oktober mit zunächst 200 Sympathisanten begann, wuchs sich am 1. Dezember bereits auf 7500 aus. Die Behörden lassen sie gewähren.

Inzwischen rollen auch aus anderen Teilen Sachsens "Spaziergänger" an. Was alle eint, ist eine "Arroganz in Ausländerfragen", die man bei den Verantwortlichen ausgemacht haben will. Tenor: "Die Politik hört den Menschen nicht mehr zu." Für den Extremismus-Forscher Johannes Kiess von der Universität Leipzig spricht "Pegida eben das aus, was die Leute denken".

Dass ausgerechnet Dresden zum Ausgangspunkt solcher antiislamischer Proteste wird, mag verwundern. Keine islamische Moschee lässt sich hier ausmachen. Und während der Ausländeranteil bundesweit 8,2 Prozent beträgt, liegt er in Sachsen bei 2,2 Prozent.

Dennoch verursachten letztlich hausgemachte Probleme diese Proteste. Denn Pegida formierte sich just in dem Moment, als in Dresden die Pläne für neue Asylbewerberheime offenbar wurden. Die Halbmillionenstadt muss bis 2016 rund 4000 Flüchtlinge zusätzlich aufnehmen; gegenwärtig sind es 6800. So geht bei der zuweilen hektischen Quartiersuche vieles über die Köpfe der potentiellen Anrainer hinweg.

Dass inzwischen auch Nazis, Hooligans und sonstige Rechtsausleger unter den Deutschlandfahnen mitspazieren, scheint die meisten der frustrierten Islamgegner nicht zu berühren. "Immer weniger Menschen nehmen den Rechtsradikalismus als eine Bedrohung wahr", sagt der Konfliktforscher Andreas Zick, Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld. Bachmann bemüht sich, bei jeder Gelegenheit seine Distanz zum braunen Lager zu artikulieren. Im Grunde sei er sogar Ausländerfreund. Einer seiner Trauzeugen sei Türke gewesen.

Womöglich meint das der Pegida-Chef ehrlich. Doch längst fänden auch ohne ihn diese Proteste statt. Heute sind abseits von Dresden zum Beispiel auch Anti-Islam-Kundgebungen in Düsseldorf, Berlin oder Würzburg geplant.

Doch auch der Widerstand formiert sich in diesen Städten. Er kommt von linken und antifaschistischen Gruppen, die teils ebenfalls von außerhalb anreisen. In Dresden gelang es am vergangenen Montag Gegendemonstranten mit einer Sitzblockade, den genehmigten Antiislam-Zug auf seinem Weg vor die Semperoper zu stoppen. Einige Theater und Museen beziehen inzwischen Stellung. An der Semperoper liest man etwa: "Für eine weltoffene Gesellschaft".

Die Landesregierung fährt zweigleisig. Während Ministerpräsident Stanislaw Tillich an die Sachsen appelliert, "die neuen Herausforderungen durch immer mehr Flüchtlinge gemeinsam als Gesellschaft zu lösen", rasselt Innenminister Markus Ulbig (beide CDU) auch schon mal leicht mit dem Säbel: Gegen einen harten Kern von 160 bis 170 Ausländern in Sachsen, die zusammen für über 1000 Straftaten verantwortlich sein sollen, wolle man nun mit einer Art Sondereinheit vorgehen, heißt es in seinem Umfeld.

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