Engpässe bei Master-Studienplätzen? Für die Verantwortlichen im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wie für den Präsidenten der Ständigen Konferenz der Kultusminister (KMK), Ties Rabe, gibt es diese nicht und zeichnen sich auch keine ab. Als Beleg dafür werden Ergebnisse eines imJuni präsentierten KMK-Berichts zur"Situation im Masterbereich im Wintersemester 2011/12" genannt. Demnach sind 15 Prozent der mehr als 36 000 Master-Plätze in zulassungsbeschränkten Fächern unbesetzt geblieben und mehr als drei Viertel der 5379 Master-Studiengänge kamen ohne Zulassungsbeschränkungen aus. Das Angebot sei"zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausreichend", sagt Rabe. Sollten sich künftig Engpässe abzeichnen,"müsste das Studienangebot entsprechend angepasst werden", sagt ein Ministeriumssprecher. Akuter Handlungsbedarf bestehe nicht.

Die 23-jährige Studentin Salome Adam kennt die KMK-Zahlen und ist dennoch skeptisch. Salome Adam besucht den Master-Studiengang Biochemie an der Universität Leipzig. Sie begutachtet im Auftrag von Akkreditierungsagenturen immer wieder die Qualität von Studiengängen in Deutschland und war bis Ende Juni Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von Studierendenschaften (FZS). Ihr Eindruck: Der Kampf um die Plätze wird härter. In manchen Master-Studiengängen gibt es jetzt schon Engpässe, aber"es ist sehr fach- und hochschulspezifisch, wo Plätze fehlen oder noch vorhanden sind." Zahlen zur Auslastung der Master-Studiengänge, beispielsweise für Baden-Württemberg, bestätigen ihre Sicht. Der Anteil der zulassungsbeschränkten Master-Studiengänge lag dort im Wintersemester 2010/11 bei 54 Prozent und ein Jahr später schon bei 64,4 Prozent. Wie deutschlandweit sind auch im Südwesten die meisten noch nicht ausgelastet, aber doch hatten gemäß Daten des Landeswissenschaftsministeriums im Wintersemester 2011/12 einige Hochschulen im Südwesten bereits ihre Kapazitätsgrenzen im zulassungsbeschränkten Bereich überschritten. So lag die durchschnittliche Auslastung in den Master-Studiengängen an der Hochschule Mannheim bei 145 Prozent, an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen bei 134 Prozent und an der Universität Heidelberg bei 102 Prozent.

Aus dem Heidelberger Universitäts-Dezernat Studium und Lehre ist zur Situation im Master-Bereich zu hören:"Die Ausstattung der Hochschulen ist weder ausreichend für die voraussichtlich hoch bleibenden Studienanfängerzahlen, noch für die Weiterführung dieser starken Kohorten in den Master - selbst wenn nur ein Teil der Bachelor-Studierenden in den Master will."

Und dieser"Teil" ist zumindest bisher durchaus groß. Laut dem von der KMK und dem BMBF geförderten"Bildungsbericht für Deutschland 2012" nahmen aus den bisherigen Bachelor-Jahrgängen an Universitäten etwa"drei Viertel ein weiteres Studium auf, zumeist ein Master-Studium undüberwiegend direkt nach dem Bachelor-Abschluss". An den Fachhochschulen schlossen rund"die Hälfte ein weiteres Studium unmittelbar an".

In einigen Fächern wäre bereits zum bevorstehenden Wintersemester ein Master-Ausbauprogramm erforderlich gewesen, klagt das Heidelberger Universitäts-Dezernat. Deshalb müsse"zwingend ab dem kommenden Jahr" ein Ausbauprogramm aufgelegt werden.

Ähnlich schätzt Professor Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, die Lage für ganz Deutschland ein:"Da ist viel Dynamik im System, aber auch viel Sprengstoff." Zigtausende Bachelor-Studienplätze seien zwar geschaffen worden."Bloß haben zumindest längst nicht alle Bundesländer die Master-Plätze entsprechend ausgebaut."

Und warum nicht? Viele Länder haben angenommen, der Andrang bei den Erstsemestern halte nur ein paar Jahre an und sinke dann gleich wieder wegen des demografischen Wandels, sagt Christian Berthold, Geschäftsführer von"Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) Consult"."Deshalb haben eigentlich alle Länder auch nur in den Ausbau der Bachelor-Plätze investiert und zugleich gehofft, sie könnten mit der Zeit die frei werdenden Ressourcen im Bachelor-Bereich in Richtung Master umverteilen." Diese Kalkulation ist aber schief gegangen, weil gemäß CHE-Prognose nicht vor Mitte der 40er Jahre die Studienanfängerzahl unter das Niveau von 2005 sinken wird.

Im Gegensatz zu Bund und KMK-Spitze sieht die Landesregierung in Stuttgart auch durchaus"kurzfristigen Handlungsbedarf im Hinblick auf die Schaffung zusätzlicher Master-Plätze", wie es in einer Stellungnahme des Wissenschaftsministeriums auf eine Anfrage der Landes-CDU aus dem vergangenen Jahr heißt. Der Ausbau soll danach ab 2013 gefördert werden.

2011 setzte das Ministerium eine vierköpfige Expertengruppe ein, die das Land hinsichtlich Bedarf und Umfang eines vom Land geplanten Ausbauprogramms"Master 2016" beraten sollte und inzwischen ihre Empfehlungen vorgelegt hat. Eine davon ist laut Stuttgart:"Es sollte in jedem Fall sofort ein stufenweiser Aufbau der Master-Studienplätze erfolgen." Zu konkreten Zahlen hinsichtlich der benötigten Menge an zusätzlichen Master-Plätzen oder Investitionen wollte ein Ministeriumssprecher aber nichts sagen. Aufbauend auf den Empfehlungen arbeite man noch an dem Konzept für das Ausbauprogramm."In den nächsten Monaten" soll es dem Kabinett vorgelegt werden.

Worauf man sich auch am Ende in Stuttgart oder anderswo politisch einigt, der Ausbau wird enorme Summen verschlingen. Viele Länder hoffen da auf die erneute finanzielle Hilfe des Bundes wie schon beim Ausbau der Bachelor-Plätze. Studentin Salome Adam dagegen hofft nur, dass überhaupt etwas passiert, denn, sagt sie,"wir können das der Generation doch nicht antun, dass wir zu wenige MasterPlätze haben und zwangsweise Bachelor-Absolventen in die Wirtschaft schicken, obwohl die noch gerne studieren würden."