Fußball Das Leiden eines russischen Fußball-Fans

Selbst im Triumph melancholisch:  Russische Fans feiern neben dem Kreml, dass ihre Mannschaft zum ersten Mal seit 30 Jahren die WM-Vorrunde überstanden hat.
Selbst im Triumph melancholisch: Russische Fans feiern neben dem Kreml, dass ihre Mannschaft zum ersten Mal seit 30 Jahren die WM-Vorrunde überstanden hat. © Foto: Christopher Furlong/Getty Images
Moskau / Stefan Scholl 28.06.2018

Fußball in Russland ist schmerzhaft. Das merkte ich bei meinem ersten Kick auf russischem Boden, auf diesem mit Kieseln dürftig bestreuten Betonplatz in Leningrad, 1987. Ich stand im Tor und wollte den russischen Studienkollegen zeigen, dass ich kein Weichei bin. Schon die erste Parade schrammte mir Trainingshose und Knie auf, danach beschworen mich die Russen, mich bloß nicht mehr hinzuwerfen.

Die WM 2018 ist die fünfte, die ich in Russland erlebe. Bändern und Sehnen geschuldet, habe ich selbst nicht mehr viel Fußball gespielt, dafür bei minus 16 Grad auf der Tribüne mal gegen, mal für Spartak Moskau gezittert. Ich habe jahrzehntelang TV-Fußball gesehen, stundenlang mit Russen über Fußball diskutiert. Inzwischen besitzt Russland viel mehr Kunstrasen als 1987. Im Gegensatz zu damals kann man überall Bälle, Fußballschuhe und Schienbeinschoner kaufen. Und trotzdem hat sich unter Russlands Fußballfreunden eine Traurigkeit breit gemacht, die sie vor 30 Jahren noch nicht kannten. „Toska“ nennen Russen diese Stimmung irgendwo zwischen Trauer und Weltschmerz. Und gegen sie jubeln sie bei dieser WM so laut an.

Am Anfang war Russlands Fußball für mich fern, sowjetisch und sympathisch. So wie Lew Jaschin, der akrobatische Held meiner ersten Fußballbücher, der einzige Torhüter, der je Weltfußballer geworden ist. Die Sbornaja meiner Fernsehjugend spielte fair und schön, und sie spielte oft weniger erfolgreich, als sie es verdient hätte. Wie in dem wohl besten WM-Achtelfinale, das ich je gesehen habe: 1986 in Mexiko, als Igor Belanow gegen Belgien ein Hattrick gelang, seine Mannschaft aber in der Verlängerung unglücklich 3:4 verlor.

Danach kippte die Sowjetunion ins Chaos und mit ihr irgendwie auch der russische Fußball. Viele Sowjetstars gingen in den Westen, die meisten scheiterten. Bezeichnend Belanow: „Europas Fußballer des Jahres“ wechselte 1989 zu Borussia Mönchengladbach, versagte, wurde beim Kaufhausdiebstahl erwischt und an den Zweitligisten Eintracht Braunschweig verkauft. Dort stieg er in die Regionalliga ab.

Russland hat inzwischen das Chaos der bitterarmen und wilden 90er Jahre hinter sich gebracht. Mit dem Ölpreis verzehnfachte sich auch das Bruttosozialprodukt, Russlands Eishockey-, Kunstturn- oder Baskettballmannschaften sind ebenfalls erstarkt. Das Wirrwarr im Fußball aber will nicht enden. Nicht dass die Russen das Fußballspielen verlernt hätten. Von 2004 bis 2008 habe ich in Twer gelebt, beim Joggen machte ich täglich am anderen Wolga-Ufer Gymnastikpause, am Zaun der Fußballschule Junost, wo Dutzende junger Talente übten. Die Trainingsspiele der D-Jugend waren taktisch und technisch eine Augenweide. Aber von den Heimspielen der Zweitligamannschaft Wolga Twer habe ich nur die Stille vor dem Abpfiff in Erinnerung: Wolga rennt einem knappen Rückstand hinterher, die Tribünen aber haben sich geleert, jemand pfeift kleinmütig. Toska. Der Verein ist vor einem Jahr pleitegegangen.

Nur der Millionär jubelte

Eine andere Art von Tristesse hing im April beim Eröffnungsspiel der Sankt Petersburg Arena über den 800 Millionen Euro teuren Rängen. Der Millionärs-Truppe von Zenit Sankt Petersburg wollte gegen Ural Jekaterinburg einfach kein Tor gelingen, da zeigte der Schiedsrichter in der zweiten Hälfte drei Ural-Spielern sehr fragwürdige rote Karten. Zenit gewann 2:0, diesmal herrschte eher peinliche Stille. Nur Gazprom-Chef Alexander Miller, der Zenit sponsort, jubelte in der VIP-Loge wie ein Kind.

Dabei spielen auch erwachsene Russen manchmal noch sauberen und schönen Fußball. 1998 schlug die Sbornaja den Weltmeister Frankreich in Paris während der EM-Qualifikation sensationell, 2008 ebenso sensationell Holland im EM-Viertelfinale. Und im gleichen Jahr schoss Zenit den FC Bayern im Euroleague-Halbfinale mit 4:0 ab. Aber die Stabilität der Sowjetunion ist weg, dazwischen enttäuschten Klub- und Nationalmannschaften nicht nur, sie stürzten ab.

Eines der ersten Spiele Russlands, die ich in Moskau sah, kulminierte in einem Erzfehlgriff. Nationaltorhüter Alexander Filimonow, den Experten schon als Jaschin-Erben lobten, klatschte im Heimspiel gegen die Ukraine eine Flanke aus knapp 40 Meter Entfernung ins eigene Tor – Russland fuhr deshalb nicht zur EM 2000. Und Filimonow wurde die erste Personifikation jenes fußballerischen Missgeschicks, an das sich die Russen haben gewöhnen müssen.

Russlands Fußballgott hält alle, die an ihn glauben, grausam zum Narren. In der WM-Qualifikation 2010 spielten die Russen prachtvollen Angriffsfußball, verloren zweimal knapp gegen Deutschland, mussten in die Relegation gegen Slowenien und scheiterten dort erbärmlich. Die Russen zerlegten bei der EM 2012 Tschechien mit 4:1, blieben aber im letzten Vorrundenspiel nach einem panikartigen 0:1 an Griechenland hängen. „Nach dem Spiel gegen Griechenland wollte sich Alexander Kerschakow erschießen. Aber er hat wieder nicht getroffen“, lautet seitdem einer der Witze über Mittelstürmer.

Russlands Fußballkultur ist mit solchen Witzen gespickt. Wer guten Fußball liebt, weicht auf andere Ligen aus.  Millionen russischer Fans entdeckten ihre Liebe für englische Spitzenmannschaften, der Multimilliardär Roman Abramowitsch kaufte gar den Londoner Kultklub FC Chelsea. Seit der Finaltragödie des FC Bayern gegen Manchester United 1999 ärgere ich mich über das frenetische Geschrei, mit dem Moskauer Yuppies in roten United- oder Liverpool-Trikots die Engländer anfeuern. Ähnlich laut bejubelten die Russen auch die zwei Finalsiege ihrer Barfußkicker bei den Strandfußball-Weltmeisterschaften 2011 und 2013. Filimonow versuchte sich übrigens auch als Beach-Torhüter.

Schon seit Jahrzehnten hege ich den Verdacht, dass Russlands harte Männer nicht Fußball, sondern Eishockey spielen. Und überhaupt Wintersportler sind. Wahre Demut habe ich in Russland beim Skilanglaufen gelernt, als Schuljungs und Greise voller Eleganz auf alten Holzskiern an mir vorbeiflogen.

Das Schöne am Fußball ist bekanntlich seine Unberechenbarkeit. Bei dieser WM hat die vorher sieben Spiele sieglose Sbornaja zum ersten Mal seit 30 Jahren eine WM-Vorrunde überstanden. Die Presse feiert das Team fast schon hysterisch. „Wir sind keine Scheiße“, wird getitelt. „Danke, göttliche Mannschaft. Russland wird alle zerfetzen.“ Warum sollten nicht auch die Russen ihr Sommermärchen erleben? Warum sollten nicht auch die Leistungen ihrer Spieler explodieren, wie Dänemark „Dynamit“ bei der EM 1992? Russland sehnt sich danach, Weltmeister zu werden und endlich wieder eine Fußballgroßmacht. Aber das bedeutet nicht, dass seine Sbornaja danach keine neuen, schmerzhaften Missgeschicke erwarten.

„Schießt oder ihr werdet erschossen“

Russland hatte schon im ersten Spiel Saudi-Arabien mit 5:0 geschlagen. Zwei Tage später war ich auf einer Taufe in Moskau. Auch nach den ersten drei Wodka mochten Vater und Taufpate nicht an ihre Mannschaft glauben. „Sie können keinen Fußball spielen“, schimpfte der Pate beim Rauchen auf dem Balkon. „Sie wollen einfach nicht laufen.“ Ob ich wisse, warum zur Sowjetzeit Lew Jaschin der beste Torhüter der Welt geworden sei? Weil er Todesangst hatte. „Der spielte doch dauernd im Ausland, dem war klar: Wenn er das Vaterland auch nur ein bisschen blamiert, verschwindet er auf Nimmerwiedersehen in Sibirien.“ Auch der Vater politisierte: „Ich mag Putin nicht, ich bin für Schirinowski.“  Der Vorsitzende der rechtsextremen Liberal-Demokratischen Partei werde ihnen schon den Marsch blasen: „Entweder ihr schießt Tore, oder ihr werdet erschossen.“ Um alle Kritik verstummen zu lassen, müssen Russlands Auswahlspieler bei dieser WM wohl noch einige Tore schießen.

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