Leitartikel Politik hat bei Ferkelkastration versagt

Berlin / André Bochow 06.11.2018
Weiter werden Millionen Ferkel kastriert und Küken geschreddert: Dem Ziel, das Tierwohl zu fördern, hinkt die Politik hinterher.

Vielleicht kennen Sie das Gedankenexperiment des deutschen Philosophen Richard David Precht. Dabei soll man sich vorstellen, es kämen Aliens auf die Erde und würden sich der Menschen als Nahrungsquelle bedienen. Die Erklärung der Aliens: Sie seien uns geistig weit überlegen und außerdem würden wir gut schmecken. Hinter dem Gedanken steckt die Unterstellung, so begründeten Menschen ihren Fleisch-Eier-Milchkonsum.

Man kann aus diesem Experiment eine vegetarische oder eine vegane Ernährungsweise ableiten. Aber auch alle Verbraucher, die nicht so weit gehen wollen, dürften damit einverstanden sein, dass wir die Tiere, die wir essen, vor ihrem Tod nicht quälen sollten. Längst hat die Große Koalition in Berlin die entsprechenden Beschlüsse gefasst. Was allerdings nicht viel bedeutet.

Weiterhin werden beispielsweise millionenfach Ferkel ohne Betäubung kastriert und männliche Küken ge­schreddert oder vergast. Eigentlich sollte mit Quälerei und Tötungen Ende des Jahres Schluss sein. Doch leider, so teilte die Bundesregierung mit, müssen noch bis Mitte der Legislaturperiode Küken massenhaft daran glauben. Die Bestimmung des Geschlechts im Ei sei noch nicht flächendeckend möglich. Und was die Installation von Alternativverfahren betrifft, die eine schmerzlose Ferkelkastration ermöglichen, so reichte eine langjährige Übergangsphase nicht aus, weshalb die Koalition, nun ja, eine Verlängerung der Übergangsphase in Gesetzesform gießen will.

Hinter Quälerei steckt wirtschaftliches Kalkül

Was genau haben Union und SPD eigentlich bislang getan, um dem im Grundgesetz geregelten Tierwohl gerecht zu werden? Auch das Problem der industriellen Massentierhaltung und der mit ihr verbundenen hässlichen Begleitumstände, wird, wie so viele andere Probleme, an die nächste Regierung vererbt.

Doch im Grunde genommen müssen wir auf das Auseinanderbrechen der großen Koalition gar nicht warten. Hinter der Tierquälerei in deutschen Ställen steckt ja nicht bewusster Sadismus, sondern wirtschaftliches Kalkül. Die Ferkel zu betäuben, kostet mehr, als ihnen bei der Kastration Schmerzen zuzufügen. Die Maschinen, die in Eiern das Geschlecht der Küken erkennen, sind teuer. Die Landwirte scheuen sich wegen der Konkurrenz, den Preis an die Verbraucher weiterzugeben. Es sei denn, die Verbraucher signalisieren Bereitschaft, mehr zu zahlen, wenn sichergestellt ist, dass Tieren nicht sinnlos Leid zugefügt wird.

Es gibt mittlerweile die Möglichkeit, im Supermarkt Eier bestimmter Anbieter zu kaufen und damit das Kükenschreddern zu bekämpfen. Steht jedenfalls so auf der Verpackung. Die Kosten für schmerzfreie Ferkelkastration liegen bei drei bis fünf Euro pro Tier. Aufgeteilt auf Schnitzel, Steaks und Wurstscheiben, die aus einem Schwein herausgeholt werden, sollte die Preiserhöhung erträglich bleiben.

Am Ende geht es um die Frage, wie wichtig uns ein halbwegs ethischer Umgang mit Geschöpfen ist, denen wir geistig überlegen sind und die uns schmecken.

leitartikel@swp.de

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