Iran US-Botschaft in Teheran: Krassestes Museum der Welt

Teheran / Magdi Aboul-Kheir 10.01.2018
Als Ort einer Geiselnahme war sie ein Schauplatz der Weltgeschichte. Heute ist die ehemalige US-Botschaft in Teheran eines der krassesten Museen der Welt. Es erzählt von Feindschaft.

Die Freiheitsstatue grüßt den Besucher von einem Plakat. Diese Freiheitsstatue hat allerdings eine Monsterfratze. Jedes Detail der ehemaligen US-Botschaft in Teheran macht klar: Wir zeigen euch das hässliche Antlitz dieser Weltmacht! Wir zeigen euch die imperialistische Natur des großen Satans!

Die iranischen Machthaber haben die einstige US-Botschaft hinter ihren vier Meter hohen Betonmauern in eines der krassesten Museen der Welt verwandelt: Beklommen schreitet man auf das Backsteingebäude zu – durch den „museum-garden of anti arrogance“, wie auf der blutroten Eintrittskarte steht.

„Verwandelt“ ist aber nur die halbe Wahrheit. Zwar inszenieren gewaltige antiamerikanische und antisemitische Wandgemälde das Gebäude bereits im Aufgang als Ort des Hasses. Aber ansonsten ist offenbar das meiste des Inventars in all den Jahrzehnten unverändert geblieben. Und so wähnt sich der Besucher weniger in einer ehemaligen diplomatischen Vertretung als in einer Spionageeinrichtung.

Die US-Botschaft in Teheran war im 20. Jahrhundert ein Ort, an dem Fäden der Weltpolitik zusammenliefen, an dem auch zündelnd manipulativ Nahost-Politik betrieben wurde. Die CIA hatte dort 1953 den Staatsstreich gegen den iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh vorbereitet. Später war von dort aus das Schah-Regime – dem die USA grundsätzlich die Stange hielten – beobachtet und belauscht worden.

Was wörtlich zu nehmen ist: Die CIA machte auch vor Schah Reza Pahlavi nicht Halt. Der prowestliche Machthaber soll die Amerikaner lediglich illusionslos darum gebeten haben, nicht in seinem Schlafzimmer zu spitzeln.

Am 4. November 1979 wurde die Botschaft in Teheran dann zu einem Brennpunkt. Der Schah war nach seinem Sturz durch die Islamische Revolution in die USA geflohen, worauf rund 400 iranische Studenten die Botschaft stürmten, besetzten und dort mehr als 50 Diplomaten als Geiseln nahmen, um die Auslieferung des Schahs zu erpressen.

Es kam zu einem verunglückten Befreiungsversuch der Amerikaner, die Geiselnahme dauerte sage und schreibe 444 Tage lang und wurde erst nach langwierigen Verhandlungen am 20. Januar 1981 beendet - da war der Schah bereits ein halbes Jahr tot. Die Geiselnahme führte zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen und zu Wirtschaftssanktionen. Die politische Eiszeit zwischen dem Iran und den USA hält letztlich bis heute an, auch wenn der Atomvertrag zwischenzeitlich für Tauwetter gesorgt hat.

Ein unfassbarer Aspekt dieses historischen Kapitels wurde 2012 durch den Film „Argo“ bekannt. Regisseur Ben Affleck schildert darin dramatisch unterhaltsam, wie sechs Botschaftsangehörige, die bei der Erstürmung entkommen und sich in der kanadischen Residenz verstecken konnten, aus dem Land geschleust wurden:  mittels fingierter Dreh­arbeiten eines Science-Fiction-Films, der angeblich im Iran gedreht werden sollte.

Tatsächlich basiert „Argo“ auf wahren Ereignissen, auf der „Operation Canadian Caper“, ist aber mit den Mittelns des Spannungskinos zugespitzt. Hollywood zeigt Diktatoren eine lange Nase: Solche Schelmengeschichten lieben Amerikaner natürlich, „Argo“ gewann sogar den Oscar als bester Film.

Die Ex-Botschaft erzählt freilich andere Geschichten, manche gewollt, manche unabsichtlich: Sie erzählt von Feindbildern und Unversöhnlichkeit, von Gewalt und Demütigung, von Rachsucht und Genugtuung, von den Absurditäten der internationalen Machtpolitik.

Schon vor den Gittern am Tor prangt derzeit ein Plakat mit Donald Trump. Darauf steht der Satz: „The American elite feel ashamed to have such a president.” Nun, dass die amerikanische Elite sich für diesen Präsidenten schämt, dürfte keine bösartige Unterstellung sein. Zumal Trump mit seinen provokanten Äußerungen angesichts der aktuellen Demonstrationen im Iran wieder einmal Öl ins Feuer des Nahen Ostens gießt.

Am Eingang steht in Englisch und Farsi „Nieder mit den USA“. Und angesichts der Graffiti im Treppenhaus bleibt einem dann die Spucke weg. Sie zeigen, wie Osama Bin Ladens und seine Vasallen am 11. September 2001 das World Trade Center zum Einsturz bringen, dazu eine brennende US-Flagge: eine Triumph-Darstellung. Dazu ist die Wand voller propagandistischer Ikonografie samt Illuminaten-Symbol, Hakenkreuz und einer Krake mit Davidstern über dem Weißen Haus.  Hassmotive und Verschwörungstheorien als bunter Comic.

Die Botschaft in der Botschaft lautet ungefähr so: Die Iraner haben die Geiseln seinerzeit anständig behandelt, die durften Weihnachten feiern, wie Fotos zeigen. Die Amerikaner hingegen hatten sich davor jahrzehntelang wie imperialistische Verbrecher aufgeführt, sie sind die einzigen wahren Aggressoren. Tatsächlich fühlt man sich wie in einer Geheimdienst-Zentrale des Kalten Kriegs.

In der Sprache des Feindes

Stahltüren, einige mit Augenscanner, führen in die Räume der CIA und zu einem grauen Maschinenpark. Zu sehen sind analoge, aber auch schon frühe digitale Abhöranlagen. Papierschredder, mit denen die Botschaftsangehörigen in den Minuten der Erstürmung noch versuchten, Dokumente zu  vernichten.  Schreibmaschinen, Stempel und weitere Utensilien, mit denen Pässe gefälscht wurden. Sogar eine Art Atombunker gibt es.

Der Museumsführer bestätigt, dass seinerzeit auch der Schah abgehört wurde – er sagt das mit einer gewissen Empörung. Und macht dabei ein Paradox der Inszenierung deutlich: Denn der proamerikanischen Schah war ja gleichermaßen ein Feind der Islamischen Revolution wie es die USA selbst waren. Und sind. Dass er den ausländischen Touristen davon auf Englisch – der Sprache des Feindes – erzählt, ist eine weitere Ironie.

Dennoch: Geschichte wird von Siegern geschrieben, und in den Botschaftsmauern ist nun das iranische Regime der Erzähler. In der Landessprache Farsi berichtet in einem Nebenraum eine Iranerin Schülern davon, wie das damals war. Sie tut dies aus erster Hand: Die Geiselnehmer von einst sind im Botschafts-Museum von Teheran heute Guides und Helden. Der Hass aber, der ist nicht museal.

Info SWP-Kulturredakteur Magdi Aboul-Kheir war Ende 2017 mit einer kulturpolitischen Delegation des Landes im Iran.

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