Wenn es gerade einen Ort in Deutschland gibt, in dem man sehen kann, welche Bedeutung Ernährung mittlerweile in der Gesellschaft hat, dann ist das Köln. Die weltgrößte Ernährungsmesse „Anuga“ hat dort am Wochenende wieder ihre Pforten geöffnet – und nie war das Angebot größer.

7400 Anbieter aus mehr als 100 Ländern präsentieren auf der Messe die neuesten kulinarischen Trends und Produkte aus der Lebensmittelbranche. Das Interesse ist enorm: 160.000 Besucher werden bis Mittwoch erwartet. Gleichzeitig erreichen Essensmagazine Traumauflagen, Ernährungsberater sprießen allerorts aus dem Boden, und jeden Monat taucht irgendwo eine neue Trenddiät auf.

Ausdruck eines Wertewandels

Glaubt man dem Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder, ist das stark gestiegene Interesse an Esskultur Ausdruck eines Wertewandels, der in der Gesellschaft stattgefunden hat: Klassische Statussymbole haben an Bedeutung verloren. „Ein neuer Porsche ist heute weniger gesellschaftsfähig als ein Stück Fleisch vom japanischen Kobe-Rind“, sagt der Regensburger Forscher. Haben sich viele Menschen ihres sozialen Ranges früher noch mit dem Auto, das sie fahren, oder der Kleidung, die sie tragen, vergewissert, tun sie das heute mit dem Inhalt ihres Kühlschranks.

„Wir befinden uns in einer fundamentalen Transformation der Gesellschaft“, erklärt Hirschfelder den Wandel. Dieser macht sich noch auf eine weitere Art bemerkbar: Definierten Menschen sich früher noch über ihre Religionszugehörigkeit oder ihre politischen Verortungen, fülle heute auch die Ernährung die entstandene Lücke aus. „Ob jemand Veganer ist oder das Magazin „Beef!“ abonniert hat, drückt aus, in welcher Welt er leben möchte“, sagt der Regensburger.

Tatsächlich kann ein Gespräch über Ernährung heutzutage schnell zu einem religiös-fundamental-politischen Grundsatzstreit ausarten. Frühstücken oder nicht? Steak oder Tofu? Brauner Rohr- oder Raffinadezucker? Kuh- oder Sojamilch? Essenseinladungen geraten so oft zu einem kulinarisch-diplomatischen Drahtseilakt.

Einer der ersten, der festgestellt hat, dass Ernährung längst zur Weltanschauung geworden ist, ist der Berliner Theologe Kai Funkschmidt. Er geht sogar noch einen Schritt weiter als Hirschfelder: „Ernährungslehren sind für ihre Anhänger so lebensbestimmend geworden wie Religion“, sagt er. Und Glaubenslehren nehmen Essensvorschriften nun mal sehr ernst: „Nur Sexualität wird in allen Religionen und Kulturen ähnlich umfassend geregelt wie Ernährung.“ Juden essen koscher, Muslime halal, Christen freitags kein Fleisch. Während Gläubigen aller Kulturen bei Einhaltung ihrer Gebote ewige Glückseligkeit im Jenseits blüht, müssten Atheisten ihr Glück im Diesseits suchen. Ernährung füllt also eine Lücke, die mit dem Bedeutungsverlust der Religion aufgerissen wurde: Veganern etwa werden ihre asketischen Ernährungsregeln selbst zum Heilsversprechen. Ihre Askese soll ihnen einen reineren, gesünderen Körper verschaffen.

Essayist und Zeitgeist-Diagnostiker Christian Schüle glaubt allerdings nicht, dass die kulinarische Askese reiner Selbstzweck ist. Für ihn hängt der Ernährungswahn sehr stark mit dem Leistungskult im Kapitalismus zusammen: Ernährung als Instrument zur Selbstoptimierung und Leistungsmaximierung. „Der Mensch sieht seinen Körper als Kapital, in das er investiert“, sagt er. Die Rendite, die ihn erwartet, heißt Wohlstand.

Dass dies ebenfalls religiös ist, hat der Philosoph Walter Benjamin allerdings schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts festgestellt. Kapitalismus habe die Funktion der Religion übernommen, stellte er fest. Der neue Gott heißt bei ihm Geld. Dass auch den Veranstaltern der Anuga spirituelle Gedanken nicht ganz fremd waren, legt die Auswahl des Gastlandes nahe: Mit Indien haben die Messeverantwortlichen dieses Jahr das Sehnsuchtsziel aller esoterisch-religiösen Sinnsuchenden gewählt.

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