Stuhlkreis, Gruppentherapie, Selbstfindungswochenende. An despektierlichen Begriffen für die selbstgesetzte Aufgabe der CDU-Spitze dürfte kein Mangel herrschen. Tatsächlich versucht sich die Partei gerade an etwas, was man einerseits getrost Vergangenheitsbewältigung nennen kann. Andererseits aber geht es um einen grundsätzlichen und in der Politik recht seltenen Vorgang: um die kritische Untersuchung und Bewertung eigener Entscheidungen. In diesem Fall um den Umgang mit dem Flüchtlingsdrama vor dreieinhalb Jahren.

Welche zerstörerischen Kräfte lange zurückliegende Beschlüsse entfalten können, wenn zugleich eine geordnete Debatte darüber unterbleibt, führt soeben die SPD vor. Sowohl bei Sozial- als auch bei Christdemokraten setzt sich das Problemwort aus einem Nomen und einer Zahl zusammen: Droht also der Herbst 2015 für die CDU das zu werden, was Hartz IV für die SPD ist?

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer will genau das verhindern. Deshalb hat sie vor ein paar Wochen das Format erfunden und ihm den Titel Werkstattgespräch verpasst. Das klingt einerseits schön kernig, nach groben Holzbrettern und Nägeln mit Köpfen, andererseits lässt das Wort hinreichend offen, was denn am Ende das Ergebnis sein soll: ein bisschen gemeinsames Herumschrauben oder ein gänzlich überarbeitetes Stück Geschichte?

Für Kramp-Karrenbauer ist das Vorgehen eine Chance, die aber an einem inneren Widerspruch krankt. Ja, die neue Vorsitzende kann sich auf diese Weise von ihrer Vorgängerin Angela Merkel absetzen, ohne sich zugleich von deren Entscheidungen aus ebenjenem Herbst distanzieren zu müssen, die sie ja größtenteils mitgetragen hat. Indem Kramp-Karrenbauer ihrer Partei quasi den Rahmen für eine Diskussion aufstellt, die in den Augen von Merkel eher Zeit „verplempert“, geht sie bereits einen Schritt auf ihre noch immer aufgewühlten Christdemokraten zu. Eines aber, und hier liegt das Risiko, soll die Sitzung auf keinen Fall werden: ein Scherbengericht, an dessen Ende Merkel, ihre Beschlüsse und ihre Verbündeten aus dem Flüchtlingsherbst in die Verbannung geschickt werden. Schon früh war Kramp-Karrenbauer deshalb klar, dass die Regierungschefin nicht in die Werkstatt kommt, auch wenn einige in der CDU sich zumindest ein paar einführende Worte der Kanzlerin gewünscht hätten.

Die Debatte soll also Druck aus dem Kessel entweichen lassen, ohne dass sich der Kessel allzu sehr erhitzt. Das aber dürfte sowohl beim Teekochen als auch beim Parteizusammenführen ein schwieriges Unterfangen sein. Im schlimmsten und gar nicht so unwahrscheinlichen Fall sind Partei und Parteichefin heute Abend so schlau wie zuvor.

Und dann? Dann schwärt das Begriffspaar Herbst 2015 in der CDU weiter, so lange womöglich, bis nur noch die SPD-Lösung bleibt: Problembewältigung durch Übermalen. Aus Hartz IV wird dort das Bürgergeld. In der CDU-Werkstatt können sie ja schon mal über eine neue Farbe für den Herbst 2015 nachdenken.

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