Ulm / WLLI BÖHMER CHRISTIANE JACKE, DPA Hat die Bundesforschungsministerin bei ihrer Promotionsarbeit getäuscht - und das auch noch absichtlich? Ein Gutachter bejaht das. Doch Schavan wehrt sich: Sie weist die Vorwürfe "entschieden zurück".

Annette Schavan gibt viel auf ihre Integrität und Glaubwürdigkeit. Selbst jene, die ihr weniger geneigt sind, schätzen die Bundesbildungsministerin: als klug und kundig, als seriös und redlich. Manch einem ist die 57-Jährige etwas zu dröge. Langweilig, lautet das Urteil ihrer ärgsten Kritiker. Dass aber gerade die CDU-Politikerin bei ihrer Doktorarbeit betrogen und getäuscht haben soll, dürfte wohl selbst ihre Gegner überraschen.

Schavan sieht sich mit heftigen Vorwürfen konfrontiert. Ihr Doktortitel ist in Gefahr und möglicherweise ihr Amt. Aber auch wenn sie beides behält, bleibt ein tiefer Kratzer an ihrem Image.

Im Mai waren die Vorwürfe gegen Schavan zum ersten Mal aufgekommen: Die CDU-Frau soll in ihrer Doktorarbeit von 1980 von anderen Autoren abgeschrieben und nicht korrekt zitiert haben. Die Ressortchefin reagierte damals wortkarg auf die Vorhaltungen, sagte nur, sie wolle die Prüfung durch die Universität Düsseldorf abwarten.

Die Analyse ist nun da und fällt wenig schmeichelhaft aus. Der Gutachter beklagt Mängel auf 60 von 351 Seiten von Schavans Arbeit, berichteten "Der Spiegel" und die "Süddeutsche Zeitung" am Wochenende übereinstimmend. Sie soll mehrfach geblufft und über Autoren geschrieben haben, die sie selbst nie gelesen hat. Der Prüfer kommt demnach zu dem Schluss, Schavan habe bewusst getäuscht.

Schavan brach daraufhin ihr langes Schweigen. "Ich weise die Vorwürfe entschieden zurück", sagte die Ministerin der SÜDWEST PRESSE. Über den "Spiegel"-Bericht zu dem Gutachten und über das Vorgehen der Universität zeigte sich die Vertraute von Kanzlerin Merkel irritiert: "Ich habe fünf Monate eisern geschwiegen, weil ich keine andere Behandlung will als alle anderen auch. Und jetzt wird ein Entwurf durchgestochen, der nicht einmal im Promotionsausschuss besprochen wurde." Dabei sage die Universität Düsseldorf, es gebe kein Gutachten der Uni. "Das ist ein unmögliches Verhalten", so die aufgewühlte CDU-Politikerin. Und weiter: "Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu wehren." Sie werde gegenüber der Universität zu den Vorwürfen Stellung beziehen. "Ich lasse mir das nicht bieten."

Schavan hatte 1980 mit der Arbeit unter dem Titel "Person und Gewissen - Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung" den Doktortitel erlangt. Auch wenn sie sich nach mehr als 30 Jahren "natürlich nicht mehr an alle Einzelheiten genau erinnern" könne: Wo sie in ihrer Doktorarbeit eine Primärquelle zitiert habe, so Schavan gestern, "hatte ich eine". "Ich habe keine Quelle bewusst falsch angegeben." Sie gehe davon aus, dass von den Vorwürfen "nichts übrig bleibt". Auch in der "Süddeutschen Zeitung" versicherte die CDU-Politikerin, sie habe sorgfältig gearbeitet, räumte aber auch ein: "Hier und da hätte man auch noch sorgfältiger formulieren können."

Entschieden ist mit dem Gutachterurteil noch nichts: Das letzte Wort hat die Fakultät, nachdem der Promotionsausschuss eine Empfehlung abgegeben hat. Sollte Schavan ihren Titel verlieren, wäre sie in ihrer jetzigen Funktion wohl nicht zu halten: als Bildungs- und Forschungsministerin, die ständig mit Studenten und Professoren zu tun hat und das deutsche Wissenschaftssystem vertritt.

Ausgerechnet Schavan war es, die sich im Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zu einem denkwürdigen Satz hinreißen ließ. Dem damaligen Verteidigungsminister wurde im vergangenen Jahr vorgeworfen, er habe in seiner Doktorarbeit an Dutzenden Stellen von anderen abgeschrieben. Er überstand die Affäre nicht und trat zurück. Schavan kommentierte die Verfehlungen damals wenig gnädig: "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich." Dieser Satz hallt nun besonders laut nach.

An Konsequenzen denkt Schavan nicht. Am Dienstag und Mittwoch ist die Ministerin in Israel, am Wochenende in Jordanien. "Ich werde weiter alle Termine wahrnehmen", betonte sie.