Nahost Das Dorf, in dem Palästinenser und Israelis den Frieden üben

Jerusalem / Ulrike Schleicher 18.05.2018
In Wahat al-Salam Neve Shaolm leben Palästinenser und Israelis zusammen. Ihr Rezept: Die Geschichte des anderen anzuerkennen.

Fast wäre das einzigartige Projekt gescheitert. Weil für die einen der 14. Mai ein Freudentag ist. Und für die anderen der Tag, an dem die Katastrophe begann. Die Krise nahm ihren Lauf, als die jungen Israelis am Vorabend dieses 14. Mai 1982 ein großes Fest planten. Eines, wie es am Tag der Unabhängigkeit in Israel immer gefeiert wird: mit Picknick, Tanz, Musik und einem Meer von blau-weißen Flaggen.

Doch die Hälfte der Dorfbewohner schlug die Einladung aus. Mehr noch: Jede Fahne, die geschwenkt werde, jedes Freudenfeuer sei eine Beleidigung, sagten die Palästinenser. Sie verfluchen den Tag, den sie Nakba (arabisch für „Katastrophe“) nennen und mit dem ihre Vertreibung begann. Etwa 750.000 Menschen mussten im Kampf um das Land ihre Dörfer verlassen, verloren ihr Hab und Gut.

„Die Existenz unseres Dorfes stand damals auf dem Spiel“, sagt die in der Schweiz geborene Jüdin Evi Guggenheim-Shbeta über den Streit vor 36 Jahren. Das Dorf, von dem sie spricht, heißt Wahat al-Salam Neve Shalom (WASNS). Neve Shalom ist hebräisch, Wahat al-Salam ist arabisch, die Bedeutung ist die gleiche: Oase des Friedens. Er steht für ein Projekt, das Mitte der 70er Jahre zwischen Tel Aviv und Jerusalem gegründet wurde und bis heute einzigartig ist. Hier wird im Kleinen praktiziert, was im Großen scheitert: die friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern.

Wenig hoffnungsvoll

Friedlich war es im Dorf auch am 14. Mai in diesem Jahr. Aber nur knapp 50 Kilometer entfernt eskalierte die Gewalt: Im Gazastreifen starben bei Protesten gegen die Eröffnung der US-amerikanischen Botschaft nach Jerusalem 60 Palästinenser, Tausende sollen verletzt worden sein. Noch am 18. April (der jüdische Kalender gab das Datum vor) hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei den Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag des Landes nicht nur von einer glänzenden Zukunft Israels gesprochen, sondern auch von Frieden: „Unsere Hand ist in Frieden ausgestreckt für alle jene unserer Nachbarn, die ihn wollen.“ Dieser jedoch scheint weiter entfernt als jemals.

Das Dorf Wahat al-Salam Neve Shalom ist ein Gegenentwurf zu all dem. Den Grundstein für dieses friedliche Miteinander zwischen den heute insgesamt 300 Palästinensern und Juden legte Pater Bruno Hassar, ein Dominikaner, der vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert war und vom nahegelegenen Trappisten-Kloster Land gepachtet hatte. Ein Jugendlager, an dem die damals 22-jährige Evi Guggenheim-Shbeta teilnahm, machte den Anfang. „Wir waren die Kerngruppe.“ Nach und nach kamen mehr Leute. Man lebte in Baracken ohne Strom und fließend Wasser.

„Wir mussten die Infrastruktur selbst finanzieren und bauen“, sagt die heute 63-jährige Psychotherapeutin. Im Gegensatz zu den jüdischen Siedlern im Westjordanland habe das Dorf zu keinem Zeitpunkt staatliche Unterstützung bekommen. Stattdessen wurde es mit Argwohn betrachtet. Was sich in WASNS abspielte, war für Außenstehende undenkbar. Krieg, Tod und Vertreibung hatten dazu geführt, dass keiner etwas mit dem anderen zu tun haben wollte. „Wir haben gegen Dogmatismus und Unverständnis auf beiden Seiten gekämpft.“

Dieses Unverständnis herrschte auch im Dorf. „Ich war ein Mensch voller Wut über die Ungerechtigkeit, die meinem Volk angetan worden war“, sagte Rayek Rizik, ein palästinensischer Christ aus Nazareth, einst in einem Interview. Das Problem: Keiner wusste etwas vom anderen. Selbst die weltoffenen Juden in WASNS hatten keine Ahnung von der Geschichte, den Traditionen und der Kultur der arabischen Bevölkerung. Auch nicht Evi Guggenheim-Shbeta. Obwohl sie ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden für Minderheiten hatte, war ihr nach ihrer Einwanderung nicht bewusst, „dass in Israel auch Palästinenser leben“.

Diese Ansicht gilt heute umso mehr. Dank der Dogmen einer sich immer weiter nach rechts bewegenden israelischen Regierung und einer schwachen, illegitimen Palästinenserführung sind Kontakte im Alltag zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen nahezu versiegt. Vor der Zweiten Intifada (2000 bis 2005) waren Ausflüge der Palästinenser ans Meer normal. Umgekehrt besuchten viele jüdische Familien am Wochenende eines der zahlreichen Cafés in Ramallah.

Heute ist das undenkbar. Stattdessen herrschen Misstrauen und Angst. Fast noch schlimmer: Viele Israelis blenden die Besatzung aus. Das ist einfach, denn wer in Tel Aviv wohnt, muss sich mit Checkpoints nicht auseinandersetzen. Und der palästinensische Bauer, der bei Jericho etwa eine schlechte Ernte wegen Wassermangels einfährt, ist natürlich auf den Besatzer wütend und nicht auf seine korrupte Führung, die seit Jahren Fördergelder einsackt, anstatt in die Infrastruktur zu investieren.

Die Lösung, die die Bewohner in dieser kritischen Nacht im Jahr 1982 für sich gefunden haben und an der „jeden Tag aufs Neue gearbeitet werden muss“, wie Evi Guggenheim-Shbeta sagt: „Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind.“ Das klingt banal. Aber dahinter stecken mehrere Erkenntnisse: Jeder hat vom anderen stereotype Bilder im Kopf, die es aufzubrechen gilt. Es gibt noch eine andere Wahrheit außer der eigenen, und keiner kann dem anderen seine Geschichte absprechen. Beide sind voller Schmerz. Bei den Juden ist es der Holocaust, bei den Palästinensern die Nakba. Trotzdem: „Wir müssen aufhören, um die größere Opferrolle zu konkurrieren. So ein Wettbewerb führt in eine Sackgasse“, sagt Evi Guggenheim-Shbeta. Die Maxime laute, dem anderen zuzuhören.

Viele Fragen entstanden

Aus dieser komplexen Situation sind damals Fragen entstanden: Was bedeutet es, auf Augenhöhe zu leben? Wie politisch sind wir? Und wie erziehen wir unsere Kinder? Die Konsequenz aus der letzten Frage: ein Bildungssystem, das die Gleichberechtigung, den Respekt und das friedliche Miteinander von Klein auf prägt. Kindergarten und Schule sind bilingual, die Kinder sprechen arabisch und hebräisch. Sie lernen die Traditionen des anderen kennen. Feste werden gemeinsam gefeiert. Oder auch nicht.

Irgendwann war das Problem mit dem 14. Mai, der Staatsgründung Israels und dem Tag der Katastrophe für die Palästinenser gelöst: „Jeder begeht ihn so wie er will“, sagt Evi Guggenheim-Shbeta. Eine Insel der Glückseligen ist das Dorf dennoch nicht. „Was hier passiert, etwa die Vorkommnisse an der Grenze zum Gazastreifen derzeit, betrifft uns auch.“

Es koste Kraft, sich täglich damit auseinanderzusetzen. Bitter sei zudem, wie weit weg die Regierenden von einer Lösung des Nahost-Konfliktes gerückt seien. Nur manchmal glimmt Hoffnung auf, sagt Evi Guggenheim-Shbeta. Wenn Leute das Dorf besuchen und sagen: Wenn es im Kleinen funktioniert, kann es im Großen doch auch gehen.

Israel feiert dieses Jahr den 70. Geburtstag

14. Mai An diesem Tag im Jahr 1948 verkündete Ben Gurion, der spätere Premierminister des Landes, die Gründung des Staates Israel. Die Feierlichkeiten zum diesjährigen 70. Geburtstag haben  aufgrund des jüdischen Kalenders in Israel bereits am 19. April dieses Jahres stattgefunden.

Das Dorf Das mehrmals international  ausgezeichnete Vorzeigeprojekt von WASNS ist die Friedensschule, die Seminare und Ausbildungen für Erwachsene im Bereich Konfliktmanagement, Machtverhältnisse und der Erkundung ethnischer und nationaler Identitäten anbietet. Das Dorf ist auf Spenden angewiesen. Heute leben dort 300 Menschen in 66 Familien. Wer mehr wissen will: nswas.org