Syrien Das Assad-Regime dokumentiert seine Morde

Starker Mann in Syrien: Präsident Baschar al-Assad auf einem Plakat in Damaskus.
Starker Mann in Syrien: Präsident Baschar al-Assad auf einem Plakat in Damaskus. © Foto: Louai Beshara/afp
Damaskus / Martin Gehlen 02.08.2018
Zehntausende Syrer sind verschwunden. Nun bekommen ihre Angehörigen Gewissheit: Sie wurden in Kerkern des Regimes ermordet.

Das letzte Mal, dass seine Mutter Islam Dabbas sah, war am 13. November 2012 in dem berüchtigten Sednaya-Gefängnis nahe Damaskus. Ihr Sohn trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Just Freedom“, wirkte krank und entkräftet, flehte seine Mutter und seinen Bruder Abdulrahman an, ihm Essen und ein paar Kleider zu bringen. Ganze zwei Minuten Kontakt erlaubten die Wächter, danach hörten Eltern und Geschwister nie mehr etwas von dem Ingenieurstudenten – bis sich nach fast sechs bangen Jahren der Ungewissheit vor ein paar Tagen plötzlich ein Beamter bei der Familie meldete. Islam Dabbas, der den Spitznamen „Rose der Revolution“ trug, war im Juli 2011 in Daraya, einem Vorort von Damaskus, verhaftet worden. Er gehörte mit seinen Freunden Yehya und Maan Shurbaji zur „Daraya-Jugend“, die sich trotz der Brutalität der Sicherheitskräfte strikte Gewaltlosigkeit auf die Fahnen geschrieben hatte und den Soldaten mit Rosen in der Hand entgegentrat.

Auf dem Amt in Daraya bekamen die Angehörigen jetzt Gewissheit. Islam Dabbas ist seit Jahren tot, wahrscheinlich hingerichtet am 15. Januar 2013 zusammen mit den Brüdern Shurbaji. „Ganz tief im Herzen hatten wir damit gerechnet“, sagte seine Schwester Heba, die mittlerweile in Ägypten lebt. „Auch wenn wir irgendwie bis zuletzt gehofft haben, er werde wieder auftauchen, sein Studium zu Ende machen und heiraten.“

Tausende erfahren, dass ihre Liebsten tot sind

So wie Familie Dabbas erfahren in diesen Wochen tausende syrische Familien, dass ihre in den Verließen des Regimes verschwundenen Liebsten nicht mehr am Leben sind. Mal hingen handgeschriebene Listen in Schaukästen aus, mal wurden die Verwandten von kommunalen Vertretern angerufen, oder sie entdeckten zufällig bei einem Termin im Einwohnermeldeamt die schreckliche Nachricht in der Familienakte. „Anfangs konnten wir nicht glauben, was uns da berichtet wurde“, erklärte Fadel Abdul Ghany, Chef des „Syrischen Netzwerks für Menschenrechte“, der als erster Mitte Juli den plötzlichen Sinneswandel des Despoten öffentlich machte.

Baschar al-Assad fühlt sich fest im Sattel

Denn Baschar al-Assad fühlt sich jetzt offenbar fest genug im Sattel, um seine Gegner mit der brutalen Wahrheit zu konfrontieren. „Unser Sieg ist nahe“, schrieb der Diktator am Mittwoch an die Angehörigen seiner Armee. Russland drängt ebenfalls auf einen solchen Schlussstrich, weil das ungeklärte Schicksal der politischen Gefangenen bisher alle Verhandlungen über ein Nachkriegssyrien, sowohl in Genf als auch in Astana, blockierte. Moskau will die aktiven Kämpfe möglichst bald beenden und die Rückkehr der mehr als sechs Millionen Flüchtlinge beschleunigen, um Syriens Infrastruktur wieder aufzubauen und die Machtdividende seines bald dreijährigen Militäreinsatzes einzustreichen.

Niemand erfuhr bisher, wo die Leichen verscharrt sind

Und so gab das syrische Regime nach den jüngsten Kriegserfolgen im Süden nun erstmals den Befehl, die Sterbeurkunden der zu Tode Gefolterten, Verhungerten oder heimlich Exekutierten nach und nach an die örtlichen Meldeämter zu übermitteln. Eingetragen als Todesursache sind meist Herzstillstand oder Gehirnschlag. Auch erfuhr bisher niemand, wo die Leichen verscharrt sind, berichtete das Nachrichtenportal „Syria Direct“.

Bereits im Februar 2017 hatte Amnesty International schwere Vorwürfe gegen die Assad-Clique erhoben und das Sednaya-Gefängnis als „menschliches Schlachthaus“ bezeichnet. Die Organisation bezichtigte Damaskus, dort bis 2015 bis zu 13 000 Gefangene in einem industriellen Ausmaß hingerichtet und deren Leichen in einem Krematorium auf dem Gelände verbrannt zu haben – damals von Assads Getreuen empört als Lüge und westliche Propaganda abgetan. Nach Angaben des „Syrischen Netzwerks für Menschenrechte“ fehlt von 81 652 Syrern jede Spur, die zwischen März 2011 und Juni 2018 verhaftet wurden. Mitarbeiter des Internetportals Zaman Al-Wasl schätzen die Zahl der bisher mit Namen bekannten Folteropfer auf nahezu 8000. Allein in Daraya, der Heimat von Islam Dabbas, kamen jetzt 1000 weitere hinzu, alle auf der neuen, kürzlich an die Stadtverwaltung übermittelten Todesliste.

Amnesty: Türkei mitverantwortlich

Nach Informationen von Amnesty International ist die Türkei für schwere Menschenrechtsverletzungen in der besetzten syrischen Stadt Afrin verantwortlich. Die Bewohner des kurdisch geprägten nordsyrischen Ortes erlitten unter anderem wahllose Festnahmen, Verschwindenlassen von Angehörigen, Beschlagnahmung ihres Eigentums, Folter und Plünderungen, erklärte die Menschenrechtsorganisation. Die Verbrechen würden von protürkischen Rebellen ausgeführt, mit denen die Türkei die Region unter Kontrolle gebracht hatte. Im Januar waren türkische Bodentruppen in der nordsyrischen Region Afrin einmarschiert, um die Kurdenmiliz YPG zu vertreiben. dpa

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