Die Führung um Chiles Diktator Augusto Pinochet wusste von den düsteren Machenschaften in der deutschen Siedlung Colonia Dignidad. Aber auch in Deutschland waren hohe Berater aus dem rechtskonservativen Umfeld im Bilde. Einige versuchten sogar, die kriminellen Vorgänge in Chile zu verschleiern. Das jedenfalls legen Geheimdokumente der damaligen chilenischen Militärregierung nahe.

"In diesem Organismus (Colonia Dignidad) sind tatsächlich schwere Deliktsituationen aufgetreten", räumte Chiles Vize-Außenminister General Francisco Ramírez Migliassi ein. Das Dokument mit Datum vom 29. Oktober 1987 wurde an den Innenminister, den Ex-Senator der mitregierenden Unión Demócrata Independiente, Sergio Fernández, weitergeleitet. Es sollten Handlungsoptionen geprüft werden, denn es gab Warnungen, die Causa "Colonia" könnte in deutschen Medien massiv hochkochen.

Diese Warnung kam vom damaligen Kuratoriumspräsidenten der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Ludwig Martin, und dem Präsidenten des privaten Instituts für Demokratieforschung, Lothar Bossle, wie Migliassi dem chilenischen Innenministerium erklärte. Soziologie-Professor Bossle war auch ein enger Berater ranghoher CDU-Politiker sowie des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU), von dem er tatkräftige Unterstützung bei seiner Karriere erhielt. Martin und Bossle, beide aus dem erzkonservativen Spektrum, seien in Chile von höchsten Regierungsstellen empfangen worden, heißt es in dem Dokument.

"Beide (sind) bewährte Freunde Chiles", versicherte Migliassi: "Ihre jeweiligen Institutionen haben in Deutschland die ungerechte Desinformationskampagne (wegen der Colonia Dignidad) angeprangert." Sowohl Martin als auch Bossle vermuteten, dass von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) ("Se·or Blüme") angeführte Kreise hinter der Kampagne steckten, die aber ein anderes Ziel habe: Strauß, einen bekennenden Pinochet-Verehrer.

Migliassi schlug ein Koordinierungstreffen vor. Dabei sollten Maßnahmen in die Wege geleitet werden, um die Causa "Colonia Dignidad" stillschweigend zu lösen. Allerdings konnte die Situation nicht so einfach bereinigt werden, wie das Regime und seine deutschen "Freunde" sich dies vorstellten. Im Dezember 1987 lief eine Nachricht der chilenischen Botschaft in Bonn im Außenministerium in Santiago de Chile auf, die dort die Alarmglocken schrillen ließen.

Ein Delegation aus Deutschland werde sich auf den Weg nach Chile machen, um dort den Fall zu untersuchen, warnten die Diplomaten am Rhein. Der Mission sollten nach Angaben der Botschaft unter anderen der deutsche Ex-Botschafter in Uruguay, Johannes Marre, der katholische Bischof Emil Stehle, Vertreter des Roten Kreuzes und ein Psychologe angehören. Die Vorwürfe gegen die Colonia: Jahrelang sollten Kinder und Jugendliche sexuell misshandelt worden sein.

Angesichts dieses Szenarios riet der neue Vize-Außenminister Ramón Valdés den Kollegen im Innenressort, das Ganze als "private" Angelegenheit unter Deutschen anzusehen. In den folgenden beiden Jahren verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Chile und der Bundesrepublik wegen der Vorgänge in der Kolonie, wie die vertraulichen Dokumente belegen.

Die Colonia Dignidad war unter ihrem 2010 verstorbenen Gründer Paul Schäfer ein befestigtes Lager mit sektenähnlichen Strukturen. Während der Pinochet-Diktatur war die damals hermetisch abgeschirmte Anlage eines der berüchtigten Folterzentren der chilenischen Geheimpolizei.