Berlin / THOMAS BLOCK  Uhr
Sie ist des rechten Kerls liebster Feind: Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) über die Zukunft des Mannes und den Hass im Internet.

Frau Roth, ich habe im Internet über Sie gelesen, Sie seien eine Männerhasserin.

CLAUDIA ROTH: Das ist natürlich völliger Blödsinn. Ich bin einfach nur überzeugt von Demokratie und gleichen Rechten für alle. Die Zeiten, in denen es eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern gab, müssen endlich vorbei sein. Schon meine Eltern und Großeltern haben mich als gleichberechtigten Menschen aufgezogen und nicht als dem Manne untertan. Diese Vorstellung einer selbstbestimmten Frau scheint jedoch etwas zu sein, was bei einigen Männern Ängste, Wut oder Aggressionen erzeugt.

Diese Aggression äußert sich sehr deutlich im Internet. Auf Facebook und in antifeministischen Foren kommt kaum eine Diskussion ohne eine Beleidigung gegen Ihre Person aus. Haben Sie eine Erklärung dafür?

ROTH: Ich bin offensichtlich eine beliebte Projektionsfläche. Ich trete offensiv auf und setze mich für die Gleichberechtigung benachteiligter Gruppen ein. Das verstößt gegen geschlossene, einfache Weltbilder, in denen Männer automatisch einen mit viel Macht verknüpften Platz haben. Wenn Frauen gleiche Teilhabe wollen, heißt das auch, dass Männer teilen und etwas von dieser Macht abgeben müssen. Manche reagieren dann mit groben Beschimpfungen:  Wenn ich mich für Religionsfreiheit einsetze, werde ich von denen zur Fatima oder zum Türken-Flittchen erklärt.

Ist das ein neues Phänomen?

ROTH: Dass man Frauen, vor allem in der Politik, mit sexistischen Beschimpfungen und Phantasien begegnet, war schon immer so. Aber es ist zunehmend schlimmer geworden. Man beschäftigt sich auch mit Körperlichkeiten und dem Äußeren von Frauen viel mehr als bei Männern. Das erlebt die Bundeskanzlerin ja auch ständig. Dieser Versuch der Demütigung ist nichts anderes, als eine versuchte Machtdemonstration von Männern, denen Macht abhandenkommt.

Beobachten Sie, was im Internet über Sie geschrieben wird?

ROTH: Das sollte man nicht alles lesen, das wäre ja nicht zu ertragen. Die Debatte wird immer brutaler und enthemmter. Der unbändige Hass hat vor allem mit Pegida eine neue Dimension erreicht. Lutz Bachmann hat auf Facebook verlangt, mich „standrechtlich erschießen“ zu lassen. Das stand da so als wäre das ganz normal. Ähnliches gilt auch für die AfD: Wenn Jörg Meuthen in seinen Reden abwertend über Grüne spricht oder mich namentlich erwähnt, dann gibt es bei denen tosenden Applaus. Ich möchte das ehrlich gesagt gar nicht an mich heranlassen. Wenn diese Kerle diese Beschimpfungen brauchen, um sich wichtig und gut zu finden, tun sie mir wirklich leid.

Warum gibt es diese Zunahme ausgerechnet jetzt, wo die Gleichberechtigung der Frau zunehmend normaler wird?

ROTH: Vielleicht erleben wir gerade ein letztes Aufbäumen oder den Versuch eines Zurückholens einer vermeintlich heilen Vergangenheit. Die AfD steht ja für ein rückwärtsgewandtes Frauenbild und damit für das Gegenteil einer offenen Gesellschaft, für die ich eintrete. Wir sehen das aber auch in der Wirtschaft: Dort agieren oft Männerbünde, die verhindern wollen, dass Frauen in die oberen Chefetagen kommen. Schauen Sie sich doch zum Beispiel nur mal den VW-Vorstand an: Da sitzt eine einzige Frau. Hier geht es um Macht, Geld und Einfluss – und das wollen Männer nur ungern teilen.

Welche Vorteile haben denn Männer von der Emanzipation der Frau?

ROTH: Da gibt es viele. Zum einen konkrete ökonomische Vorteile: Die Länder, in denen man eine Quote eingeführt hat, haben schnell festgestellt, dass ihre Unternehmen von der sozialen Kompetenz der Frauen profitieren. Und zum anderen geht es auch um die Emanzipation des Mannes: Mir haben viele schwedische Männer erzählt, wie unglaublich positiv sie es für sich selbst empfinden, nicht mehr nur Ernährer, sondern auch Väter sein zu können und aus ihren vorherbestimmten Rollen auszusteigen. Das ist möglich geworden, weil man in Schweden bereits sehr viel früher diese Aufteilung von der Mutter am Herd und vom arbeitenden Vater aufgegeben hat.