Kommentar Igor Steinle zum Googles China-Plänen China-Zensur: Warum die Kritik an Google naiv ist

Korrespondent Igor Steinle.
Korrespondent Igor Steinle. © Foto: Marc Hörger
Berlin / Igor Steinle 03.08.2018

Don’t be evil“ – „Sei nicht böse“, so lautete bis vor ein paar Monaten noch Googles selbstauferlegter Verhaltenskodex. Ein unschuldiges Unternehmen mit lustigen, bunten Buchstaben, gegründet von zwei Computernerds, die nichts anderes im Sinn hatten, als die Informationen dieser Welt jedermann zugänglich zu machen. Diese Vorstellung von dem Unternehmen war jedoch schon immer naiv. Nicht erst seit der Konzern der Alptraum aller Datenschützer ist, intelligente Waffen fürs Militär entwickelt und milliardenschwere Kartellstrafen zahlen muss.

So zog sich Google vor acht Jahren nicht etwa aus hehren moralischen Motiven aus China zurück, wie es die Unternehmensoberen herausposaunten. Der Konzern fühlte sich schlichtweg von der chinesischen Staatsmacht gegängelt. Wie alle anderen ausländischen Unternehmen auch benachteiligte die Kommunistische Partei die Suchmaschine zugunsten des heimischen Konkurrenten Baidu. Das Fass zum Überlaufen brachten schließlich chinesische Hackerangriffe, die den Technologiekonzern ausspionierten. Google machte den Laden dicht.

Wenn sich die Meldungen über Googles Rückkehr nach China nun bewahrheiten sollten, sagt das also mehr über Chinas Macht aus, als über die Moralvorstellungen des Tech-Konzerns. Es würde bedeuten: Selbst der omnipotente Internetgigant aus dem Silicon Valley kann es sich nicht leisten, auf den riesigen Markt in Fernost zu verzichten. Deswegen auf das Unternehmen jetzt mit der Moralkeule zu hauen, ist ungerecht. Dieselben Maßstäbe müsste man dann fairerweise auch an Siemens, Daimler und Co. anlegen.

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