China China hat als Müllkippe in Asien ausgedient

Von Felix Lee 09.01.2018
China war viele Jahre lang der weltweit größte Importeur von Abfällen. Doch das soll nun ein Ende haben. Für Deutschland könnte das zu einem Problem werden.

Zwei Jahrzehnte lang schien die Müllentsorgung in Deutschland kein Problem mehr zu sein. Der Grund: Das aufstrebende China mit seinem Heißhunger nach Rohstoffen nahm den Müll der Deutschen dankbar an. Der weltgrößte Müll-Importeur will nun aber den Abfall aus dem Ausland nicht mehr. In einem Schreiben an die Welthandelsorganisation hatte die chinesische Regierung schon im vergangenen Juli mitgeteilt, dass zum Schutz der eigenen Umwelt und der Gesundheit der Bevölkerung die Einfuhr von Hausmüll verboten werden soll. In dem importierten Müll gebe es auch jede Menge Abfall, der für China unbrauchbar sei, hieß es zur Begründung. Der Importstopp ist nun zum Jahreswechsel in Kraft getreten.

Insgesamt 24 Müllsorten sind betroffen, darunter Plastikmüll, Schlacke aus der Stahlproduktion, nicht einmal Textilreste oder Papier werden mehr angenommen. Metallschrott, alte Kabel, Altpapier und Kunststoffe dürften nur noch Verunreinigungen von 0,5 Gewichtsprozent aufweisen. China zieht damit eine „grüne Mauer“ um seine Grenzen. Das könnte die deutsche Abfallwirtschaft umkrempeln. 2016 hatte die Volksrepublik 1,12 Millionen Tonnen Müll aus Deutschland nach China geschifft, davon 1225 Tonnen Sondermüll. Aus dem Rest der Welt waren es 7,3 Millionen Tonnen. Das entspricht 56 Prozent der weltweiten Einfuhren.

Wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Volksrepublik zur weltgrößten Müllkippe werden konnte, hängt unmittelbar mit Chinas Aufstieg zur Werkbank der Welt zusammen. Als das Land in den frühen 90er Jahren damit begann, den Rest der Welt mit Jeanshosen, Sportschuhen, Kühlschränken und Fernsehbildschirmen zu beglücken, entstand für die Logistikunternehmen ein großes Missverhältnis. Die gigantischen Containerschiffe, die die chinesischen Häfen voll beladen verließen, kehrten mit leeren Behältern zurück. Die Logistiker blieben auf ihren Kosten für die Rückfahrt sitzen. Denn selbst brauchten die Chinesen aus dem Ausland nur wenig – oder sie konnten sich ausländische Ware damals schlicht nicht leisten.

 Zeitweise importierte China dann  mehr als 70 Prozent des weltweit anfallenden Elektroschrotts. Auch für den Plastikabfall fanden die chinesischen Abfallunternehmen Verwendung. Sie heuerten günstig chinesische Wanderarbeiter an, die sich an die mühselige Arbeit machten, den Müll zu sortieren. Dass darunter schon damals giftige Stoffe zu finden waren und die Arbeitskräfte oft auch schädlichen Gasen ausgesetzt waren, kümmerte in China lange Zeit niemanden. Nicht nur die USA waren froh über diese Arbeitsteilung. Auch die Japaner und Europäer überließen ihren Abfall gern den Chinesen.

 Doch dieses Geschäftsmodell funktioniert nun nicht mehr. Umwelt- und Gesundheitsbestimmungen gibt es zwar in China schon lange. Doch es dauerte seine Zeit, bis sie auch befolgt wurden. Mit steigenden Löhnen, vor allem aber auch zunehmendem Gesundheitsbewusstsein sind immer weniger Menschen bereit, in schmutzigen Abfällen nach möglichen Wertstoffen zu wühlen.

 Hinzu kommt, dass die Chinesen inzwischen selbst gigantische Müllberge anhäufen. Nach offiziellen Angaben hat das Riesenreich im vergangenen Jahr rund 200 Millionen Tonnen Hausmüll produziert und weitere 3,3 Milliarden Tonnen an Industrieabfällen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren war es nicht einmal halb so viel.

Das Problem ist im ganzen Land sichtbar. Trotz der zahlreichen modernen Recycling- und Müllverbrennungsanlagen kommt die Abfallwirtschaft nicht mehr hinterher, den Müll zu verbrennen oder zu verwerten. Vor den meisten Millionenstädten türmen sich gewaltige Müllberge auf.

Die chinesische Regierung hat das Müllproblem erkannt. Dem jüngsten Fünfjahresplan zufolge will China in den kommenden Jahren umgerechnet mehr als 20 Milliarden Euro in den Bau von neuen Verbrennungsanlagen stecken. Der Müll aus dem Ausland wird dafür aber nicht benötigt.

Wenn Abfallunternehmen im Ausland nun glauben, dass die chinesische Regierung zwar häufig Änderungen angekündig, sie aber dann nicht umgesetzt hat, so dürften sie sich dieses Mal täuschen. Zumindest ist sich der chinesische Umweltaktivist Huang Xiaoshan sicher: „China meint es mit dem Umweltschutz inzwischen äußerst ernst.“

Branche in Deutschland bleibt aber gelassen

Jedes Jahr produziert Deutschland 400 Millionen Tonnen Abfälle. Mehr als die Hälfte davon entstehen bei Bauarbeiten durch den Abriss von Gebäuden oder Straßenarbeiten. Der Rest verteilt sich auf Reste aus der Industrie, Haushaltsmüll und Schutt aus der Rohstoffproduktion. Der meiste Müll bleibt im Land und wird zum großen Teil als Wertstoff weiterverarbeitet oder recycelt.

Von dem riesigen Abfallberg entfallen im Land der eifrigen Mülltrenner 5,9 Millionen Tonnen auf Kunststoffmüll. Davon werden 53 Prozent verbrannt, um Strom oder Wärme für die Industrie zu gewinnen. Nur  45 Prozent werden weiter verarbeitet, etwa zu Granulat und neuem Plastik.

Ein Teil des Mülls wird ausgeführt. Insgesamt exportierte Deutschland 2016 rund 24 Millionen Tonnen Abfall. Dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser und Rohstoffwirtschaft (BDE) zufolge waren dies vor allem Eisenschrott, Schlacke, Papierabfälle und Kunststoff. Eines der Hauptabnehmerländer für Kunststoffe war China. Knapp die Hälfte aller Plastikreste führte die Bundesrepublik dorthin aus. In die Volksrepublik gingen insgesamt 560 000 Tonnen davon. Damit ist nun Schluss.

Für die deutsche Abfallwirtschaft ist das nach eigener Aussage kein Drama. „Ein Absatzmarkt schließt“, sagt BDE-Sprecher Bernhard Schodrowski. „Es werden sich andere Absatzmärkte finden.“ Die sieht er auch hierzulande. „Wir müssen in Deutschland eine Kreislaufwirtschaft hinbekommen, die den Namen auch verdient“, betont  Schodrowski.

Er hat auch schon Abnehmer im Auge. Die Industrie müsse viel mehr als bisher auf Recycling-Rohstoffe zurückgreifen, fordert er. Im Hinblick auf die Qualität sei dies kein Problem. Im Moment seien die Preise allerdings zu hoch. „Wenn bei Kunststoffen die Aufbereitung 60 bis 80 Euro pro Tonne kostet, dann ist das nicht wettbewerbsfähig, weil Primärrohstoffe deutlich günstiger sind.“

Daher fordert Schodrowski staatliche Vorgaben, zum Beispiel Mindestanteile für den Einsatz von Recyclingrohstoffen oder steuerliche Anreize.

Von Stefan Kegel.