München Chatten mit dem Münchner Amokläufer

Eine einzelne Blume liegt im wieder geöffneten Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs auf dem Boden.
Eine einzelne Blume liegt im wieder geöffneten Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs auf dem Boden. © Foto: dpa
DPA 26.07.2016
Hätte der Amoklauf von München verhindert werden können? Der Schütze hatte mutmaßlich einen Mitwisser, einen 16-jährigen Freund. Dieser war sogar kurz vor der Tat am Tatort.

Einige Tage nach dem Amoklauf in München mit insgesamt zehn Toten verdichten sich die Hinweise auf einen mutmaßlichen Mitwisser. Ein 16-Jähriger hat sich den Ermittlungen zufolge kurz vor der Bluttat mit dem Amokschützen im Bereich des Tatorts  getroffen – und möglicherweise von dessen Waffe gewusst. Dies gehe aus einer WhatsApp-Kommunikation des 16-Jährigen mit dem 18-jährigen Täter  hervor, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch am Montag in München. Der 16-Jährige habe diesen Chat zwar gelöscht, die Polizei habe den Verlauf der Kommunikation aber wiederherstellen können.

Der 16-Jährige war am Sonntagabend wegen des Verdachts des „Nichtanzeigens einer Straftat“ festgenommen worden. Er hatte sich wenige Stunden nach dem Amoklauf vom Freitagabend von sich aus bei der Polizei gemeldet und sich dann bei Befragungen in Widersprüche verwickelt. Inzwischen befindet er sich wieder auf freiem Fuß, ein Haftbefehl  wurde vom Haftrichter abgelehnt, teilte die Staatsanwaltschaft München I mit.

Der 16-Jährige hatte den Amokläufer den Ermittlungen zufolge im vergangenen Sommer in der Psychiatrie kennengelernt. Dort habe er mitbekommen, dass David S.  den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik verehrte, so Oberstaatsanwalt Steinkraus-Koch. Die beiden hätten sich dort auch über Amokläufe ausgetauscht – aber nach ersten Erkenntnissen nicht mit Therapeuten oder anderen darüber gesprochen. Beide seien dort wegen einer depressiven Erkrankung in Behandlung gewesen.

Sowohl der 16-Jährige als auch der Amokschütze waren nach Angaben der Ermittler zudem süchtig nach Computerspielen. „Nach unserer Einschätzung haben sich zwei Einzelgänger getroffen“, sagte der leitende Kriminaldirektor Hermann Utz.

Aufgrund des wiederhergestellten Chat-Verlaufs und einer neuen Vernehmung gebe es auch die Vermutung, dass der 16-Jährige „wusste, dass der Amokschütze im Besitz einer Glock 17 ist“, sagte Steinkraus-Koch weiter. Auch deshalb gehen die Ermittler davon aus, „dass er etwas von der Tat gewusst haben könnte“. Zum Tatzeitpunkt selbst war der 16-Jährige demnach aber nicht mehr in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums. Er soll von einem Freund von dem Amoklauf mit neun Todesopfern erfahren und sich dann gegen 21.30 Uhr bei der Polizei gemeldet haben.

Der 18-Jährige hatte am Freitagabend neun Menschen und sich selbst umgebracht. Er habe mehrere Opfer mit Kopfschüssen getötet und sich dabei vermutlich an Killerspielen orientiert. „Mein Eindruck war, der hat sich wie in einem Computerspiel bewegt“, sagte Kriminaldirektor Utz. Der Täter habe seine Opfer regelrecht hingerichtet. Die Zahl der Verletzten beziffert das Landeskriminalamt auf 35. Keiner der Verletzten schwebte am Montag mehr in Lebensgefahr.

 Das Olympia-Einkaufszentrum  hat seit Montag wieder geöffnet. Bevor um 10 Uhr die ersten Besucher kamen, fand für die Mitarbeiter ein Gedenkgottesdienst statt. Die McDonald‘s-Filiale, in der der Amoklauf seinen Anfang nahm, bleibt dagegen bis auf Weiteres geschlossen. Das erklärte die deutsche Tochtergesellschaft der US-Schnellrestaurantkette. „Dass der Täter unter anderem in unserem Restaurant an der Hanauer Straße kaltblütig auf Menschen geschossen hat, macht uns fassungslos“, erklärte Vorstandschef Holger Beeck. Vor einer Wiedereröffnung soll die Filiale umgebaut werden.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erwägt unterdessen eine Verschärfung des Sicherheitskonzepts für das Oktoberfest. „Vielleicht sollte man sogar über ein Verbot von Rucksäcken nachdenken“, sagte er dem BR. Sowohl der Amokläufer als auch der Täter von Ansbach trugen Rucksäcke bei sich.

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