Leitartikel Ellen Hasenkamp zur Weichenstellung bei der CDU CDU vor Entscheidung: Ende der Party

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Berlin / Ellen Hasenkamp 06.12.2018

Es ist ein wenig so wie auf einer gelungenen Weihnachtsfeier. Erst fühlt sich alles ein bisschen ungewohnt an, dann fühlen sich alle ziemlich schnell ziemlich wohl. Die Belegschaft berauscht sich an der eigenen guten Laune und, ja, auch an gewürzten Rotwein-Getränken. Plötzlich findet man die Kollegen und sogar die Chefin echt nett und den eigenen Laden eigentlich richtig super.

So ungefähr lief es auf den Regionalkonferenzen der CDU. Glühwein wurde zwar nicht ausgeschenkt, für Bier und Würstchen aber war gesorgt. Die Stimmung war großartig und erfüllte die Partei mit einem warmen Gefühl.

Doch jetzt nähert sich der Moment, in dem man sich daran erinnert, dass die Bestellung morgen pünktlich raus muss und der Jahresabschluss auch noch nicht fertig ist. Ende der Party. Auch für die CDU.

Morgen fällt die Entscheidung, wer die oder der neue Vorsitzende wird. Und spätestens ab übermorgen entscheidet sich dann, was das für das U im Parteinamen bedeutet. Die Einheit der Christdemokraten zu erhalten, wird vom Sieger und seinem Willen und seiner Kraft zur Integration abhängen. Noch viel mehr aber wird die Einheit davon abhängen, wie die Verlierer mit ihrer Niederlage umgehen. Und verlieren werden nicht nur die jeweiligen Bewerber, sondern auch ihre Anhänger und Unterstützer, die sich in den vergangenen Tagen ordentlich reingekniet und viele eindringliche Gespräche geführt haben. Für manch einen platzt dann sein ganz persönlicher Traum von der Zukunft der Partei. Und man liegt vermutlich nicht ganz falsch, wenn man annimmt, dass die Träume der Merz-Mitstreiter besonders bunt und beeindruckend sind.

Erstaunlich gut war es Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz zunächst gelungen, den Wettkampf um die Spitze fair zu halten, eine unversöhnliche Frontstellung zu verhindern und das Verbindende zu betonen. Das war auch möglich, weil die drei inhaltlich gar nicht so weit auseinander liegen. Doch je näher die Stunde der Stimmzettel in Hamburg rückt, desto deutlicher formieren sich die Lager. Parteivizes wie Thomas Strobl und Armin Laschet mahnen immer eindringlicher, die Fähigkeit zum Unterhaken am Tag danach nicht aus dem Blick zu verlieren.

Die Lage ist eng, offenbar so eng, dass nun auch Wolfgang Schäuble eingegriffen und offen die Wahl seines Freundes Merz empfohlen hat. Schäuble ist nicht der erste CDU-Promi, der sich bekennt, aber er ist der mit Abstand einflussreichste. Den Worten des Parteiflüsterers wird sich so mancher Delegierte nur schwer entziehen können. Schäubles Stoßrichtung, die er genau in jener Zeitung platzierte, in der Angela Merkel einst den Abschied von Helmut Kohl einläutete, lautet dabei: Die jahrelang erfolgreiche bloß-niemanden-verschrecken-Strategie von Merkel ist nicht mehr die richtige.

Schäuble fordert mehr Polarisierung und polarisiert damit selbst: Und zwar seine eigene Partei. Er hat bei der Wohlfühlfeier der CDU das Licht angeknipst.

leitartikel@swp.de

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