Intersexuelle Menschen haben künftig Anspruch auf ein drittes Geschlecht. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass Standesämter neben den Eintragungen „männlich“ und „weiblich“ eine dritte Kategorie im Personenregister vorsehen müssen. Die Richter verlangen, dass bis zum Ende des kommenden Jahres eine Neuregelung gefunden wird. Der Bundestag muss sich nun erneut mit dem Thema befassen.

Erst vor vier Jahren hatten die Abgeordneten erlaubt, die Geschlechterzuordnung offen zu lassen. Das reicht den Verfassungsrichtern in Karlsruhe allerdings nicht. Sie sehen durch die Regelung – also die Aussparung – das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot verletzt und verlangen deshalb eine „positive Bezeichnung“. Ob die nun „inter“ lautet oder „divers“, lassen die Richter offen. Denkbar ist ebenfalls, dass künftig generell auf einen Geschlechtseintrag verzichtet wird.

Das Urteil kommt überraschend. Eine 27-jährige intersexuelle Person, die Vanja genannt werden möchte, hatte sich zuvor erfolglos durch alle Instanzen geklagt. Vanja war nach der Geburt als Mädchen eingetragen worden, ist aber einer Chromosomen-Analyse zufolge weder Mann noch Frau – und fühlt sich auch genau so: zwischen den Geschlechtern. Diese falsche Eintragung ist „keine Marginalie“, begründen die Verfassungsrichter ihr Urteil. „Die Verwehrung der personenstandsrechtlichen Anerkennung der geschlechtlichen Identität gefährdet bereits für sich genommen die selbstbestimmte Entwicklung.“

Der Bundesgerichtshof hatte Vanjas Antrag auf Änderung des Geschlechts auf „inter“ oder „divers“ zuletzt abgelehnt. Den Beschluss der Verfassungsrichter nannte Vanja eine „große Freude“: Das Gericht habe gezeigt, dass Intersexualität keine „Störung“ ist.

Diese Erkenntnis hat sich wissenschaftlich weitgehend durchgesetzt, gesellschaftlich allerdings nicht. Je nach Schätzung leben rund 80 000 intersexuelle Personen in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu kennen, der oder die sich nicht eindeutig als Mann oder Frau zuordnet, ist nicht so gering.

Doch das Tabu, das auf dem Thema liegt, ist mächtig. Im öffentlichen Leben tauchen Intersexuelle so gut wie gar nicht auf – mit der Ausnahme des Spitzensports. Die südafrikanische Sprinterin Caster Semenya machte zuletzt Schlagzeilen, ebenso die Mittelstrecken-Läuferinnen Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia. Allerdings wird das Phänomen im Sportbereich eher problematisiert: Wie soll man mit Athleten umgehen, die bei den Frauen starten, aber wegen der höheren Testosteron-Ausschüttung physisch überlegen sind?

Dazu kommen Vorurteile und Verwechslungen, zum Beispiel mit Transsexuellen. Anders als Intersexuelle lassen sich transsexuelle Menschen einem biologischen Geschlecht zuweisen. Sie fühlen sich aber dem anderen  zugehörig. Intersexuelle Personen können hingegen nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Die Gründe dafür sind vielfältig, so dass bis zu 100 Varianten unterschieden werden.

Die meisten dieser Menschen sind gesund. Nur selten ist eine geschlechtsangleichende Operation in der frühen Kindheit notwendig. Dennoch war ein solcher Eingriff lange üblich. Noch vor zwei Jahren hatte die EU-Agentur für Grundrechte beklagt, dass viel zu oft medizinische Eingriffe an kleinen Kindern vorgenommen werden – auch in Deutschland.

Dabei wäre nichts verloren, wenn Ärzte und Eltern zunächst einmal alles so belassen, wie es ist. Der Hamburger Psychologe Michael Wunder berichtet, „dass eine bis in Kindheit und Jugend reichende Erziehung, die die Geschlechtseinordnung offen lässt, möglich, wenn auch nicht einfach ist.“ Sie bedeute weniger Leid als frühzeitig festlegende Operationen, die die Betroffenen in ihrer Erinnerung „als traumatisch erleben und von denen ihr Leben gekennzeichnet ist“.