Jena Kein echter Dialog: Bürgersprechstunde mit Merkel

So schön kann Regieren sein: Angela Merkel in Jena.
So schön kann Regieren sein: Angela Merkel in Jena. © Foto: Actionpress
Jena / Ellen Hasenkamp 15.08.2018
Zuhören und diskutieren. Das will die Kanzlerin mit ihrer Bürgersprechstunde. Doch ein echter Dialog bleibt in Jena aus.

Friedrich lässt sich nicht beirren. Kerzengerade sitzt der Schüler da und befragt die Kanzlerin zu den Zukunftschancen kleiner Bauernhöfe. Noch geht Friedrich zur Schule, aber „mit dem Herzen bin ich Landwirt“, bekennt er. Und mit seinem unnachgiebigen Interesse bringt er Angela Merkel zumindest ein bisschen in Erklärungsnot. Die Regierungschefin redet von „Kappungsgrenzen“, der „Entwicklung ländlicher Räume“ und der „1. Säule“ der EU-Agrarpolitik. Friedrich insistiert: „Können Sie nicht sagen, wann es losgeht?“

Bürgerdialog Europa heißt das Thema an diesem Dienstagnachmittag in Jena. Rund 60 Bürgerinnen und Bürger wurden von örtlichen Zeitungs- und Radioredaktionen für ein eineinhalbstündiges Gespräch mit der Kanzlerin ausgewählt. Es ist Merkels zweiter Termin in diesem Format. „Ein paar Wünsche mitnehmen“, wolle sie, sagt Merkel, gleich nachdem sie die kleine Fernseharena in dem ehemaligen Umspannwerk Jena-Nord betreten hat.

Ohne echte Leidenschaft

Doch ein echter Dialog kommt nicht recht in Gang. Bis auf Friedrichs Landwirtschaftsdebatte verlaufen die 90 Minuten so: Die Bürger fragen, die Kanzlerin antwortet. Oder auch: Die Bürger bemängeln, die Kanzlerin rechtfertigt. Leidenschaftlich werden weder die einen noch die andere.

Es geht um das Image Europas, um Integration, den Mangel an Pflegekräften, den Brexit, die AfD oder einen europäischen Finanzminister. Merkel bekennt, dass sie aufgrund ihrer ganz persönlichen Arbeits-Erfahrungen mit Europa vor allem „lange Nächte“ verbindet, sowie „ein großes Sicherheitsgefühl“ auf Reisen –  auch was „Hygiene und Sauberkeit“ betreffe. Und energisch schreitet die Bundeskanzlerin ein, als die Debatte auf Verordnungen zur Gemüsekrümmung zusteuert: Das mit den Gurken sei „vorbei“, betont sie.

Formate wie diese mag die Kanzlerin. Die letzte Reihe hieß: „Gut leben in Deutschland – was uns wichtig ist“ – und lieferte ihr unter anderem Anregungen für den Bundestags-Wahlkampf.

Sommerpause für Merkel ist vorbei

In Europa wird in rund einem Jahr gewählt – und angesichts des Vormarsches von Populisten und Europa-Feinden in vielen Ländern blicken viele mit Sorge auf den Termin.

Für Merkel stehen aber erstmal ganz andere Herausforderungen an. Mit dem Bürgerdialog in Jena hat sie sich quasi auch beim Volk aus dem Urlaub zurückgemeldet, nachdem sie in den vergangenen Tagen bereits in Spanien und in Berlin außenpolitische Termine absolviert hatte. Im Herbst stehen wichtige Landtagswahlen in Hessen und Bayern bevor. Und im Dezember stellt sich Merkel auf dem CDU-Parteitag zur Wiederwahl. Die Sommerpause ist vorbei.

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