Marode Autobahnbrücken Brücken: Die Sanierung hinkt hinterher

Alles neu: die Schiersteiner Brücke in Hessen.
Alles neu: die Schiersteiner Brücke in Hessen. © Foto: Fabian Sommer/dpa
Berlin / Dieter Keller 16.08.2018
Auch in Deutschland gibt es marode Autobahnbrücken. Experten halten aber ein Drama wie in Genua für unwahrscheinlich.

Der Stopp kam über Nacht: Am 15. Februar 2015 musste die Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden gesperrt werden, weil sich ein Brückenpfeiler gesenkt hatte – möglicherweise durch den Bau einer Ersatzbrücke direkt daneben, der voll in Gang war. Die Folge war ein Verkehrschaos. Inzwischen läuft der Verkehr über den ersten Teil des Neubaus.

Ob Schiersteiner Brücke oder die Rheinbrücke bei Leverkusen – immer wieder sorgen Bauwerke auf zentralen Autobahnen für Schlagzeilen, weil sie aufgrund massiver Schäden zumindest für den Schwerlastverkehr und zeitweise auch ganz gesperrt werden müssen. Ein spektakuläres Unglück wie in Genua gab es bisher allerdings nicht. Die Ingenieurkammer Baden-Württemberg hält auch die Gefahr von Katastrophen für gering, obgleich sie diese nicht ausschließen will.

Alle sechs Jahre kommt der Tüv

Das liegt daran, dass die Brücken regelmäßig überprüft werden: Alle sechs Jahre müssen sie in Deutschland zum Tüv. Oder besser gesagt nehmen Fachingenieure die Bauwerke nach den Regeln der DIN-Norm 1076 unter die Lupe. Zwischen den Hauptprüfungen gibt es alle drei Jahre eine einfachere Prüfung sowie zweimal jährlich eine Sichtprüfung.

Die Ergebnisse kann sich jeder ansehen: 14 Prozent der Autobahnbrücken sind in schlechtem Zustand, doppelt so viele wie im Jahr 2000. Bei den Bundesstraßen sieht es mit 8,6 Prozent besser aus. Umgekehrt bekommt nur jede zehnte Autobahnbrücke mindestens das Qualitätsurteil „gut“, auf den Bundesstraßen ist es jede sechste. Das zeigen die Statistiken der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast).

Da kommt eine Menge zusammen. Immerhin stehen auf den Bundesfernstraßen etwa 39.500 Brücken, die zusammen über 2100 Kilometer lang sind. Die Probleme sind im Westen wesentlich größer als im Osten, wo nach der Wende die meisten Brücken zwischen 1990 und 2010 neu gebaut wurden. Entsprechend ist in Thüringen nicht einmal jede hundertste Brücke marode, im Saarland dagegen mehr als jede vierte. In Baden-Württemberg haben 16 Prozent die Bewertung „schlecht“.

Das heißt allerdings nicht, dass sie sofort gesperrt werden müssen. Es können auch Gitterstäbe im Geländer fehlen oder viele Schlaglöcher und Betonabplatzungen vorhanden sein, die nicht die Standsicherheit gefährden. Die Behörden sind aber gewarnt, dass sie die Bauwerke genauer überwachen und eine Sanierung starten müssen.

Im Westen wurden die meisten Brücken zwischen 1965 und 1985 gebaut. Seither hat der Schwerlastverkehr dramatisch zugenommen, wie die Karawanen auf der rechten Spur zeigen. Ein 40-Tonner belastet eine Brücke so stark wie 50 000 Pkw, erklärt der Statik-Experte Martin Mertens von der Hochschule Bochum. Belastungsreserven, die beim Bau vorhanden waren, sind aufgezehrt.

Seit einigen Jahren haben sich die Verkehrsminister die verstärkte Brückensanierung auf die Fahnen geschrieben. Allerdings umfasst die Liste des „Programms Brückensanierung“ im Jahr 2017 nur 121 Projekte mit einer Auftragssumme über fünf Millionen Euro, und die wenigsten konnten schon abgeschlossen werden.

Seine Mittel hat der Bund deutlich aufgestockt. 2017 standen rund 1,2 Milliarden Euro für Brückensanierungen zur Verfügung, fast viermal so viel wie 2009. „In Deutschland stehen ausreichend Gelder zur Verfügung“, sagt der Präsident der Bauindustrie, Peter Hübner. Aber es dauert zu lange von der Planung bis zur Realisierung. Zwar hat Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gerade ein Gesetz zur Planungsbeschleunigung auf den Weg gebracht. Das hilft aber oft nicht, klagt Hübner: Ersatzbrücken werden meist nicht an genau der gleichen Stelle gebaut wie die alte, und häufig wird die Gelegenheit genutzt, zusätzliche Fahrspuren einzurichten. Nach geltendem Recht ist dafür eine zeitraubende Planfeststellung erforderlich.

Kommunen sind überfordert

Auch Städte und Gemeinden kämpfen mit maroden Brücken, die sie  regelmäßig nach den gleichen Regeln wie der Bund überprüfen. Sie müssen bis 2030 über 10.000 kommunale Straßenbrücken ersetzen, schätzt die Bauindustrie aufgrund einer Studie aus dem Jahr 2013. Das ist mehr als jede siebte Brücke. Sogar jede zweite muss dringend saniert werden. Zusammen ergebe sich bis 2030 ein Investitionsbedarf von über einer Milliarde Euro pro Jahr. „Die Sanierung dieser Vielzahl an Brücken können die Kommunen nicht allein bewältigen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Städtetags, Helmut Dedy, der SÜDWEST PRESSE. Er sieht Bund und Länder in der Pflicht.

Zustand deutscher Brücken
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