Ihre Videos schockierten die Welt. Erst rollten die bärtigen Krieger des „Islamischen Staates“ Fässer mit Sprengstoff in die Tempel von Bal und Balshamin. Dann folgte ein riesiger Feuerball  und übrig blieben von den rund 2000 Jahre alten weltberühmten Kulturmonumenten Palmyras nur noch verkohlte Schuttfelder. Das antike Theater der legendären Oasenstadt missbrauchten die IS-Mörder für Exekutionen gefangener Soldaten.

Die geköpfte Leiche des früheren Chefarchäologen, Khaled al-Asaad, hängten sie in der benachbarten Neustadt Tadmor an einen Laternenpfahl. Entsprechend tief sitzt der Schock, auch wenn der syrische Antikendirektor Maamoun Abdulkarim nach der Rückeroberung von Palmyra während der Ostertage die Weltöffentlichkeit zu beruhigen suchte: Wohl 80 Prozent des antiken Wüstenjuwels seien noch intakt. Die beiden gesprengten Tempel sowie der zerstörte römische Triumphbogen ließen sich wieder fachgerecht restaurieren. UN-Experten bestätigten dieser Tage nach einem Besuch in Palmyra, dass der einzigartige Charakter der antiken Stadt der Nachwelt weitgehend erhalten bleiben wird.

Dennoch: Die Schäden sind gewaltig und nicht nur hier haben die IS-Kämpfer eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Unesco-Chefin Irina Bokova geißelte die IS-Barbarei als die „brutalste und systematischste Zerstörung von kulturellem Menschheitserbe seit dem Zweiten Weltkrieg“. Mehr als 900 Kulturdenkmäler, darunter die assyrischen Königsstädte Nimrud und Hatra sowie das 1500 Jahre alte christliche Pilgerkloster St. Elian liegen in Trümmern. Woche für Woche zündeten die Dschihadisten Kirchen, Moscheen, Bibliotheken und Theater an, schändeten Pilgerstätten, Mausoleen und Friedhöfe.

Unvergessen ist die auf einem Propagandafilm festgehaltene Raserei der Extremisten im irakischen Mossul, als sie durch die weitläufigen Ausstellungsräume des Museums  wüteten, einzigartige assyrische Statuen vom Sockel stießen, ihnen die Köpfe abschlugen und unwiederbringliche Reliefs mit Vorschlaghämmern und Pressluftbohrern zertrümmerten. „Auch wenn diese Dinge hier Milliarden von Dollar wert sind, für uns sind sie absolut nichts“, deklamiert einer der Bärtigen mit schwarzer Häkelmütze und erhobenem Zeigefinger in die Kamera. „Eine Tragödie und ein katastrophaler Verlust für Iraks Geschichte und Archäologie von unfassbaren Dimensionen“, klagte damals der Historiker Amr al-Azm auf seiner Facebook-Seite. Zerstört worden seien einige der wunderbarsten Stücke assyrischer Bildhauerkunst – „ein Verlust für die gesamte Welt“.

Das teuflische Treiben begann nach der Eroberung von Mossul im Juni 2014, als die IS-Krieger Moscheen und Kirchen in die Luft sprengten, darunter das berühmte Mausoleum des Propheten Jonas. Später plünderten sie die Universitätsbibliothek und zündeten die Zentralbibliothek an, wo 8000 Manuskripte verbrannten. Auf dem nahe gelegenen Ausgrabungsgelände von Niniveh zerstörten sie eine 2700 Jahre alte monumentale assyrische Hüterstatue. Erst vor kurzem rammten die Fanatiker auch das Mashqi-Tor zu Boden, eines der Wahrzeichen der legendären Stadt, was schon zu biblischen Zeiten existierte.

Ähnlich wie in Syrien und dem Irak erlitt auch das weltberühmte Kulturerbe des Jemen schwerste Schäden. Seit einem Jahr kämpft dort eine von Saudi-Arabien angeführte Militärallianz gegen die Huthi-Rebellen im Land. Verheerend haben sich vor allem die Luftangriffe der Saudis ausgewirkt.

Bombenschäden, Plünderungen und Raubgrabungen: Inzwischen steht im Nahen und Mittleren Osten das zwei Jahrtausende alte Ineinander von Gottesglauben und Kulturen, von Gelehrsamkeit und Dialog, von Bräuchen und Festen vor dem Kollaps. Kultur verwebt die Menschen – mit ihrer Herkunft, mit ihrer Zukunft und zu einer verbindenden Identität. Entsprechend ist das Wüten der Dschihadisten weit mehr als die Zerstörung touristisch interessanter Zeugnisse. Ihre Untaten tilgen die Pluralität und das kulturelle Gedächtnis einer Region. Sie rauben den religiösen und ethnischen Minderheiten ihre Identität, lähmen ihren Willen zum Weiterleben und brechen ihr Vertrauen in die Zukunft.

Neben dem „Islamischen Staat“ verursachen auch Regime und Rebellengruppen sowie Mafiabanden und Raubgräber enorme Schäden. Bereits vor der Eroberung durch den IS ließen syrische Soldaten aus Palmyra wertvolle Reliefs und Plastiken mitgehen. Die römische Stadt Apamea wurde von Assads Armee ausgeschlachtet. Auf Satellitenbildern sieht das antike Areal aus wie eine Mondlandschaft, durchpflügt von hunderten illegaler Grabungslöcher.

Obendrein nutzen beide Seiten bei ihren Gefechten historische Stätten als Schießstände, Militärlager oder Deckung. Die Kreuzritterfestung Crac de Chevalier wurde dadurch schwer ramponiert, ebenso die Zitadelle von Aleppo. Der jahrhundertealte Basar in der Handelsmetropole mit ihren einst 2,5 Millionen Einwohnern brannte völlig aus. Die Umayyaden-Moschee ist eine Ruine, die zehn Jahre lang von deutschen Experten für 42 Millionen Euro restaurierte Altstadt mit ihren Gassen, Moscheen, Palästen, Bädern und Läden eine Trümmerlandschaft.

Westliche Experten wie Jesse Casana, Dozent für Archäologie am Dartmouth-College im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire, schätzen, dass seit Kriegsbeginn im Sommer 2011 von den 15.000 antiken Stätten in Syrien mindestens 3000 komplett ruiniert wurden. Und so haben Antikenchef Maamoun Abdulkarim und seine 2500 Mitarbeiter inzwischen mehr als 300.000 Fundstücke und Handschriften aus 38 Museen des Landes nach Damaskus gebracht. „Der IS“, seufzt der Wissenschaftler, „ist nur eines von vielen Problemen.“