Abuja / JÜRGEN BÄTZ, DPA Knapp 300 Mädchen sind aus der Gewalt von Boko Haram befreit. Doch von Hunderten weiteren Geiseln - auch den Mädchen aus Chibok - fehlt nach wie vor jede Spur. Boko Haram ist längst nicht besiegt.

Entführte Mädchen und Frauen werden von Boko Haram als Sexsklavinnen gehalten, zwangsweise verheiratet oder zum bewaffneten Kampf gezwungen. Die Befreiung von knapp 300 weiblichen Geiseln aus den Händen der islamistischen Terroristen im schwer zugänglichen Sambisa-Wald in Nigeria ist daher ein großer Erfolg für die Regierung in Abuja. Amnesty International zufolge haben die Extremisten allerdings allein seit dem vergangenen Jahr mehr als 2000 Frauen und Mädchen entführt.

Am Dienstagabend war die Hoffnung zunächst groß, dass die vor einem Jahr verschleppten mehr als 200 Schülerinnen unter den befreiten Geiseln sein könnten. Armeesprecher Oberst Sani Usman enttäuschte aber die Hoffnungen: Die Mädchen aus dem nordöstlichen Ort Chibok sind offenbar nicht unter den Befreiten.

Die Entführung der überwiegend christlichen Mädchen aus Chibok hatte weltweit für Entsetzen gesorgt. Sie waren mitten in der Nacht aus ihren Schlafsälen verschleppt und in Lastwagen fortgebracht worden. Seither fehlt von den Mädchen jede Spur. Sie sind zum Symbol geworden: zum einen für die Grausamkeit von Boko Haram, zum anderen für die Unfähigkeit der nigerianischen Regierung, den Terroristen Einhalt zu gebieten.

Der christliche Präsident Goodluck Jonathan wurde im vergangenen Monat abgewählt, nicht zuletzt, weil Boko Haram in seiner Amtszeit seit 2010 von einer obskuren Sekte zu einer nationalen Bedrohung heranwuchs. Seither sind bei Anschlägen und Angriffen von Boko Haram Schätzungen zufolge mindestens 14.000 Menschen getötet worden. Rund 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Jonathans designierter Nachfolger, der Muslim Muhammadu Buhari, hat den Wählern versprochen, Boko Haram auszumerzen. Der frühere Militärdiktator räumte aber am 14. April, dem Jahrestag der Entführung der Mädchen aus Chibok, ein, dass auch er deren Befreiung nicht versprechen könne. Ihr Aufenthaltsort sei unbekannt.

Allerdings haben die nigerianischen Streitkräfte - gemeinsam mit dem Militär der Nachbarstaaten Tschad, Kamerun und Niger - seit Februar viele Erfolge im Kampf gegen Boko Haram vermeldet. Das Militär behauptet, der Sambisa-Wald im Bundesstaat Borno sei eines der letzten Rückzugsgebiete der Terrororganisation. Die Meldungen des Militärs sind aber kaum zu überprüfen, da in dem Gebiet Kriegsrecht herrscht und es praktisch keinen Zugang für Medien oder unabhängige Beobachter gibt.

Ein Angriff der Terrororganisation auf eine Insel des Nachbarlands Niger im Tschadsee - mehrere hundert Kilometer nördlich von Sambisa - zeigte am Wochenende, dass Boko Haram weiter eine große Bedrohung ist. Bei den Kämpfen kamen nach Angaben des Niger 46 Soldaten um, 32 weitere gelten als vermisst. Das Militär tötete nach eigenen Angaben 146 Boko-Haram-Kämpfer. Für den verarmten Niger war es der bisher blutigste Kampf gegen die Terroristen aus dem Nachbarland. "Bis man diese Gruppe endgültig besiegt hat, wird das noch eine Weile dauern", warnt auch Nigeria-Experte Robert Kappel vom Hamburger Giga-Institut für Afrika-Studien.

Das ganze Ausmaß des Terrorfeldzugs wird erst erkennbar werden, wenn die Streikkräfte alle Orte im Nordosten Nigerias zurückerobert haben. Im unlängst befreiten Damasak nahe der Grenze zum Niger wurden Hunderte verwesende Leichen entdeckt. Die meisten Opfer seien von Boko Haram hingerichtet worden, sagte Babagana Mustapha, Sprecher des Bezirks Mobbar. "Die Leichen werden jetzt gesammelt, gezählt und dann wird es eine Massenbestattung geben."