Bluttat unter Palmen

PETER HEUSCH 16.07.2016
Diesmal am Nationalfeiertag: Ein Mann rast über die Uferpromenade von Nizza, um zu töten. Frankreich muss wieder einen brutalen Terrorakt verkraften.

„Es war wie in einem Horrorfilm“, sagt Leila R. Die 22-jährige Verkäuferin befindet sich am späten Donnerstagabend mit einer Freundin auf der Uferpromenade von Nizza, als kurz vor 23 Uhr ein schwerer Lkw auf die dort versammelte Menschenmenge zurast. „Wir starrten gerade nach oben, auf das Feuerwerk, als wir auf einmal Schreie hörten und kurz darauf Schüsse, die ich zuerst für Böller hielt. Dann begannen die Menschen in alle Richtungen auseinanderzulaufen, wie eine Welle kam die Menge auf uns zu. Meine Freundin hat mich vom Bürgersteig herunter in ein Restaurant gezerrt, sonst wären wir wohl niedergetrampelt worden.“

Das „absolute Grauen“, von dem zahlreiche Augenzeugen später berichten, platzt mitten in das fröhliche Fest, mit dem auf der weltbekannten „Promenade des Anglais“ der Nationalfeiertag gefeiert wird. Tausende Einheimische und Touristen haben sich auf der dafür eigens in eine Fußgängerzone verwandelten Flaniermeile versammelt, um dem großen Feuerwerk beizuwohnen, mit dem der 14. Juli in den meisten Städten ausklingt.

Weder die Absperrungen noch die Sicherheitskräfte vermögen den weißen Kühltransporter daran zu hindern, auf die Uferpromenade einzubiegen und erst langsam, dann beständig schneller werdend im Zick-Zack durch Menschenmassen zu pflügen. „Wie Puppen“, so erzählt ein spanischer Tourist, werden Männer, Frauen und Kinder, die nicht ausweichen können, von dem schweren Fahrzeug durch die Gegend gewirbelt. In Panik versuchen die Menschen, davonzulaufen oder sich in die Bars, Restaurants und Hotels zu flüchten. Andere springen im letzten Augenblick über die Brüstung des Boulevards und stürzen zweieinhalb Meter tiefer auf den an dieser Stelle mit großen Steinen übersäten Stadtstrand.

Erst nach zwei Kilometern kommt der Lkw auf der Höhe des Hyatt-Hotels im Feuer schwerbewaffneter Polizisten zum Stehen. Der Kugelhagel durchsiebt Front und Windschutzscheibe des Lasters und tötet seinen Fahrer, der bis zum letzten Atemzug mit einem Revolver in die Menge und auf die Beamten geschossen hat.

Leila R. meint, dass „es bestimmt 10 Minuten gedauert hat“, bevor die ersten Rettungswagen eintreffen. 10 Minuten, in denen sich die Uferpromenade leert und den Blick freigibt auf Tote und Verletzte, die auf der Straße und den breiten Bürgersteigen liegen.  Durch die Fensterfront des Restaurants beobachten Leila, ihre Freundin und 80 weitere Anwesende fassungslos die gespenstische Szenerie. Niemand kommt auf den Gedanken, nach draußen oder nach Hause zu gehen. Aus Angst, aber auch, weil die Polizei die Bevölkerung auffordert, an ihren Zufluchtsorten oder in ihren Wohnungen zu bleiben. Es gilt, die Versorgung der Verletzten nicht zu behindern.

 Noch vor Mitternacht ruft die Präfektur den Notstand in Nizza aus, in den Krankenhäusern und Kliniken der Stadt werden alle Kräfte mobilisiert und im Foyer des Nobelhotels Negresco ein Notlazarett eingerichtet. In einer ersten Bilanz ist von 60 Todesopfern und mehr als hundert Verletzten die Rede. Doch die Schreckenszahlen erhöhen sich in den folgenden Stunden  auf 84 Tote und 188 Verletzte, von denen 48 Menschen nach wie vor in Lebensgefahr schweben.

Offizielle Stellen vermeiden es zunächst, von einem terroristischen Anschlag zu sprechen. Doch noch in der Nacht wendet sich Präsident François Hollande in einer kurzen Fernsehansprache an die Nation. An dem „terroristischen Charakter dieses Angriffs“ gebe es keine Zweifel. Und bevor am Freitagmorgen das Sicherheitskabinett im Élysée-Palast zusammentritt, zieht das Staatsoberhaupt Konsequenzen. Eine Intensivierung des Kampfs gegen den Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien verspricht Hollande und kündigt an, dass der im November verhängte Ausnahmezustand erneut um drei Monate verlängert wird.

Dennoch muss Hollande der Tatsache Rechnung tragen, dass die sich seit November im Dauereinsatz befindenden Sicherheitskräfte längst an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Deswegen ordnet er zudem die Mobilisierung der sogenannten „operationellen Reserve“ an, sprich die umgehende Reaktivierung von Soldaten und Ordnungskräften, die in den vergangenen fünf Jahren aus dem Dienst ausgeschieden sind. Sie sollen in ihren ehemaligen Dienststellen oder Einsatzgruppen für Entlastung sorgen.

Ebenfalls noch in der Nacht auf Freitag werden die Ermittlungen an die für terroristische Anschläge und Umtriebe zuständige Pariser Staatsanwaltschaft übergeben. In Nizza hat die Polizei in der Kabine des vor wenigen Tagen angemieteten Kühltransporters neben mehreren Waffenattrappen und einer nicht funktionstüchtigen Granate auch einen Führerschein sichergestellt. Er ist auf einen 31-jährigen Franzosen tunesischer Abstammung ausgestellt, der in Nizza geboren wurde und lebte.

Dank seiner Fingerabdrücke kann die Identität des Täters, der für die Polizei keineswegs ein Unbekannter ist, wenig später bestätigt werden. Er war wegen mehrfachen Diebstahls sowie eines bewaffneten Raubes vorbestraft und befand sich nur unter Bewährungsauflagen auf freiem Fuß. Der Radikalisierung oder des Kontakts mit islamistischen Kreisen wurde er bisher hingegen nie verdächtigt.

Die Auswertung der städtischen Überwachungskameras hat inzwischen den Verdacht erhärtet, dass es sich um einen geplanten Anschlag handeln muss. So soll der gemietete Kühltransporter bereits am Mittwoch im Zentrum von Nizza innerhalb der Zone geparkt worden sein, die dann am nächsten Tag in Vorbereitung der Feiern zum Nationaltag für den Verkehr gesperrt wurde.

 Am Freitagvormittag ist die Promenade des Anglais immer noch abgesperrt. Leila sitzt in ihrem kleinen Appartement im Norden der Stadt und telefoniert alle Bekannten ab, um zu erfahren, ob sie wohlauf sind. Erst gegen vier Uhr ist die junge Frau nach Hause gekommen und sie hat kein Auge zugetan. „Wie konnte so etwas geschehen?“, will sie wissen. Eine Frage, die in Nizza oft ungleich schärfer formuliert wird, weil die Bewohner den Sicherheitsbehörden Versagen vorwerfen.