Leitartikel Ulrike Sosalla zur Rassismus-Debatte in Deutschland Blick in die Parallelwelt

Ulrike Sosalla
Ulrike Sosalla © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Ulrike Sosalla 31.07.2018

Es ist wie eine Explosion: Das Rücktrittsschreiben des Ex-Nationalspielers Mesut Özil hat etwas ausgelöst in Deutschland, was mit Özil und Fußball  gar nichts mehr zu tun hat. Wie es oft so ist, selbst bei drängenden Problemen: Ein Anlass reicht, und es bricht hervor, was lange brodelte.

In diesem Fall die lang erduldeten, oft unterschwelligen Rassismus-Erfahrungen von Zuwanderern, Kindern von Migranten oder auch dunkelhäutigen Deutschen. Zehntausende haben vor allem auf Twitter darüber berichtet, der Hashtag #metwo steht für die zwei Identitäten von Zuwanderern. Es ist ein hoch emotionaler Ausbruch, das haben all die Tweets und Posts in den sozialen Netzen mit dem Özil-Brief gemeinsam. Ob es um Schule geht, um Wohnungssuche, um Polizeischikane oder schlicht den Alltag: In jedem Satz kommen die vielen kleinen Verletzungen zutage, die beinahe jeder in Deutschland, der anders aussieht als die Mehrheit, mit sich herumschleppt.

Die Heftigkeit dieses Ausbruchs hat viele Deutsche ohne Rassismus-Erfahrung überrascht, manche auch empört. „Was wollen die denn“, ist noch die harmloseste Reaktion. Einige Autoren haben ihre Tweets zu dem Thema wieder gelöscht, weil sie die bösartigen und offen rassistischen Kommentare darauf nicht ertragen wollen. Die Frage, ob es Rassismus gibt in Deutschland, beantworten solche Reaktionen gleich selbst.

Doch #metwo ist kein Vorwurf, kein Fingerzeigen auf Deutschland. Hier sprechen Menschen, die längst in unserer Gesellschaft angekommen sind, viele von ihnen wurden  hier geboren, Menschen, die fließend Deutsch sprechen, die ihren Berufen nachgehen, ein unauffälliges Leben leben – mit dem einen Unterschied, dass ihr Äußeres oder ihr Name anders ist. Es ist ein Blick in eine Parallelwelt, die von außen kaum wahrnehmbar ist.

Natürlich sind Einzelerfahrungen kein politisches Programm, Betroffenheit ersetzt keine Analyse. Aber sie zeigen, dass es hier ein Problem gibt, und das ist gewachsen, seit die aufgeregt geführte Flüchtlingsdebatte einem ungesunden Nationalismus den Boden bereitet hat. Den meisten ist das übrigens bewusst: Bei einer repräsentativen Umfrage vergangene Woche gaben 56 Prozent der Befragten an, dass der Rassismus in Deutschland ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahren zugenommen habe.

In gewissem Sinn ist diese unerwartete Rassismus-Debatte sogar ein gutes Zeichen. Denn Tatsache ist: Wir diskutieren auf hohem Niveau. In Deutschland geht es nicht um systematische Unterdrückung von Minderheiten, nicht um weit verbreitete Gewalt. Es geht um die vielen Unterschiede im Alltag, die Zuwanderern zeigen: So richtig gehört Ihr nicht dazu. Und genau das fordern sie jetzt ein – dass sie dazugehören, ohne Wenn und Aber und ohne Blick auf die Hautfarbe. Das heißt übrigens, dass man auch Regelverstöße von Mitbürgern jeder Herkunft weiterhin klar benennen kann. Wer stiehlt, ist ein elender Dieb, aber eben kein diebischer Ausländer. Das kann doch so schwer nicht sein.

leitartikel@swp.de

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