CSU Blau-weißer Machtwechsel: Markus Söder ist am Ziel seiner Träume

München / Patrick Guyton 05.12.2017
Markus Söder hat sich durchgesetzt. Er wird Horst Seehofer im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten beerben. Dafür will der 68-Jährige CSU-Vorsitzender bleiben.

Am Vormittag um 10.05 Uhr steht Ilse Aigner vor dem Tagungssaal der CSU-Fraktion im Landtag und gibt Interviews. „Wir haben Brücken gebaut“, sagt die groß gewachsene Wirtschaftsministerin, die von Horst Seehofer mehr als einmal als künftige Nummer eins für die CSU und den Freistaat ins Spiel gebracht worden ist. Jetzt wolle man „vor allem im nächsten Jahr die Wahl gewinnen“.

Und zwar mit dem Mann, der in diesem Augenblick an Aigner vorbeigeht, noch ein Stück größer als sie, 1,94 Meter, Markus Söder. Der Noch-Finanzminister hat an dem Vormittag in der Landtagsfraktion seine Bewerbungsrede für das Amt des Ministerpräsidenten gehalten, er wurde, so berichten Teilnehmer, einstimmig und krönungsartig bestätigt. Die Abgeordneten haben ihm lange applaudiert, dem künftigen König des Freistaats. Davor hatten sie das auch für den alten König Seehofer getan, der auf sein Amt verzichtete. Söder redete drei Minuten vor der Presse: Man werde sich jetzt „unterhaken“ in der CSU, Politik sei „immer eine Mannschaftsleistung“. Er spricht von „Mut und Demut“.

An diesem Tag ging nun doch alles viel schneller, viel geräusch­loser, viel geeinter, als man es nach den Wochen der in aller Öffentlichkeit ausgetragenen internen CSU-Kabale hätte vermuten können. Söder, der von Horst Seehofer ungeliebte, ja verstoßene Nachfolgeaspirant, soll im Frühjahr 2018 neuer Ministerpräsident werden. Seehofer will sich erneut zum Parteichef wählen lassen – um bei Koalitionsverhandlungen in Berlin stark auftreten zu können, um, so wird vermutet, einflussreicher Minister in einem neuen Bundeskabinett zu werden. 

Kann das gehen? Die Dauerrivalen Seehofer und Söder, die sich über Jahre bekämpft und sich nichts geschenkt haben, sollen nun als Parteichef und Ministerpräsident aufs engste zusammenarbeiten? Die Frage, ob die beiden wichtigsten Ämter, die die CSU zu vergeben hat, in einer Hand oder aufgeteilt sein sollen, wird schon fast so lange diskutiert, wie es diese Partei gibt. Eine klare Antwort fehlt. Seehofer sagt nun, er bietet Söder eine „gute Zusammenarbeit“ an. Söder sagt: „Ich begrüße, dass Horst Seehofer wieder als Parteivorsitzender antritt.“ Für seine Arbeit in Berlin habe er „volle Rückendeckung“.

Dabei hat sich der 68-jährige Seehofer noch bis in den Sonntag hinein gegen Söder gewehrt. Er hat Sitzungen über Sitzungen abgehalten, ein Gespräch nach dem anderen geführt. Am Sonntagabend kamen dann Seehofer, Söder und der als Alternativkandidat gehandelte Joachim Herrmann zusammen. Es ist naheliegend, dass Seehofer und Herrmann den 50 Jahre alten Franken noch vereint wegdrängen wollten. Doch Söder blieb standhaft. Seehofer hätte sich lächerlich gemacht, wenn er die Entscheidung über seine politische Zukunft noch ein weiteres Mal verschoben hätte. Er und Herrmann mussten nachgeben.

Söder kennt man als polternden Polarisierer, als Übertreibungs- und Unterhaltungskünstler, der vor wenig zurückscheut, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und dann gibt sich Söder wieder als Mensch wie du und ich, als Fußballfan, als einer, der die kleinen Leute versteht und deren Leistungen schätzt. Am Montag sagte er in seiner kleinen Ansprache, er wolle „für die Bürger arbeiten“. Denn: „Bayern ist ein super Land.“

In der Partei hat Söder ein Netz aus Getreuen gewebt. Dazu zählen Kultusminister Ludwig Spaenle und Söders Finanzstaatssekretär Albert Füracker. Alles, was aber mit Politikern wie dem Landesgruppenchef Alexander ­Dobrindt, EU-Mann Manfred Weber oder Ilse Aigner zu tun hat, ist ihm suspekt. Seine Arbeit hat Söder immer tadellos erledigt, das gestehen ihm auch Gegner zu. Selbst Seehofer.

Binnen eines Tages scheint sich die CSU völlig gewandelt zu haben. Alle sprechen von „Gräben überwinden“, „Brücken bauen“, Einigkeit. Am Nachmittag tritt der Parteichef und Noch-Ministerpräsident vor die Öffentlichkeit. „Das Werk ist getan“, sagt er stocksteif. Er werde als Ministerpräsident „die Amtsgeschäfte übergeben“.

Mit der Zeit kommt er doch ein bisschen ins Reden. Wird er Minister in Berlin? Antwort: „Für mich muss sich nichts ergeben, ich bin ein sehr freier Mensch.“ Da weht, erstmals in seiner Ära, ein Hauch von Abschied. Er sagt: „Das Amt abzugeben, fällt persönlich nicht leicht.“

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