Damaskus Bis das letzte Krankenhaus zerstört ist

Rettungsfahrzeuge erreichen Madaja - wie hier, werden in ganz Syrien gezielt Zivilisten angegriffen.
Rettungsfahrzeuge erreichen Madaja - wie hier, werden in ganz Syrien gezielt Zivilisten angegriffen. © Foto: dpa
MARTIN GEHLEN 13.01.2016
Rettungsfahrzeuge haben die hungernden Menschen in Madaja erreicht. Doch Angriffe gegen die Zivilbevölkerung sind weiter eine beliebte Kriegsstrategie des Assad-Regimes. Häufig trifft es Hospitäler.

Das Ende des Hospitals von "Ärzte ohne Grenzen" nahe Homs kam durch einen Doppelschlag. So nennen die ohnmächtigen Zeugen am Boden die teuflische Taktik des syrischen Regimes, nach der ersten Fassbombe einige Zeit später an genau der gleichen Stelle eine zweite abzuwerfen, um auch die Retter in den Trümmern zu töten. Sieben Menschen starben, darunter ein kleines Mädchen. 47 wurden verletzt, als vor sechs Wochen in Zentralsyrien die kleine Klinik zusammengeschossen wurde.

Angriffe auf Krankenhäuser von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) finden die meiste internationale Aufmerksamkeit, sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 dokumentierte die Organisation "Ärzte für Menschenrechte" (PHR) insgesamt 329 Luftschläge auf 240 Einrichtungen, der Großteil verübt durch das Regime von Baschar al-Assad. Im vergangenen Jahr habe die Zahl solcher Attacken, die als Kriegsverbrechen gelten, drastisch zugenommen, bilanzierte PHR. 112 Mal wurden Hospitäler bombardiert, obwohl sie klar markiert waren und das Regime ihre Koordinaten kennt.

Die gezielte Zerstörung von Hospitälern, Lazaretten, Gesundheitsstationen, Arzneifabriken und Krankenwagen gehört inzwischen genauso zur bestialischen Kriegsstrategie in Syrien wie das Aushungern von ganzen Städten, Angriffe auf Schulen oder Massaker unter Wartenden, die für Brot anstehen.

"Schlimmer als alles, was ich auf dem Balkan erlebt habe", urteilte die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Carla Del Ponte. Die Schweizer Juristin dokumentiert am Mittwoch als UN-Ermittlerin mit einem Expertenteam Beweise für Kriegsverbrechen in Syrien.

"Als wir unsere Untersuchung zu den Hospitälern begannen, haben wir zunächst geglaubt, dass diese Angriffe Ergebnis eines schlechten Zivilschutzes sind", sagte Widney Brown, Programmdirektor von "Ärzte für Menschenrechte". Doch je mehr Daten die Aktivisten zusammentrugen, umso klarer wurde ihnen, "dass es sich um eine Strategie der Assad-Regierung - und jetzt auch Russlands - handelt". Egal ob im Krieg auf dem Balkan oder in Gaza, es habe immer einzelne Beispiele für Bomben auf Hospitäler gegeben, sagen die Helfer. Das Vorgehen des Assad-Regimes jedoch, das seien keine Kollateralschäden, das sei systematisch und gezielt. Zahlreiche Kliniken seien mehrfach angegriffen worden, bis sie am Ende aufgegeben werden mussten.

"Das Gesundheitswesen zu zerstören, ist eine sehr effektive Taktik", erläuterte Brown. "Denn man erzeugt hohe zivile Verluste, die nicht das direkte Ergebnis von Bombenangriffen sind." So wären in Aleppo nur noch ein Drittel der einst 33 Krankenhäuser in Betrieb. 95 Prozent aller Ärzte seien geflohen, verhaftet oder getötet worden. Die letzten 80 Mediziner in der zerstörten Stadt könnten nur noch die am schwersten Verwundeten behandeln und seien gezwungen, "in Badezimmer, Kellerhöhlen oder anderen Verstecken zu operieren".

Gleiches geschieht inzwischen auch auf anderen Kriegsschauplätzen des Nahen und Mittleren Ostens. In Afghanistan bombardierten US-Kampfflugzeuge am 3. Oktober zwei Stunden lang das MSF-Hospital in Kundus und legten es in Schutt und Asche. Das Pentagon sprach später von einem "vermeidbaren menschlichem Versagen verstärkt durch Fehler bei den Abläufen und der Ausrüstung". Drei Wochen später nahmen saudische F-16 Kampfjets im Nordjemen eine MSF-Klinik unter Feuer, obwohl der Einsatzzentrale in Riyadh die GPS-Koordinaten der Gebäude mehrfach übermittelt worden waren.

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon verurteilte den Angriff mit scharfen Worten, trotzdem traf es bereits wenige Tage später die nächste Klinik, diesmal in Taiz. Seit Beginn des Krieges im März 2015 zählte das Rote Kreuz an der Südspitze der Arabischen Halbinsel nahezu 100 Angriffe auf Krankenhäuser und Gesundheitsstationen. "Die Luftschläge Saudi-Arabiens machen im Jemen genau das Gleiche wie die des Assad-Regimes in Syrien", erläutert Widney Brown von "Ärzte für Menschenrechte". Nur dass die Auswirkungen im Jemen noch verheerender sind, weil das ärmste Land der arabischen Welt bereits vor dem Krieg ein schlechtes Gesundheitssystem hatte.