Hintergrund Bio-Ware: Die Moral endet am Geldbeutel

Abgepacktes Fleisch: oft billig statt bio.
Abgepacktes Fleisch: oft billig statt bio. © Foto: ©DenisMArt/Shutterstock.com
Berlin / Thomas Block 04.08.2018
Reden und Handeln sind zweierlei. Beim Einkauf zeigt sich das. Denn Bio-Ware wird nach wie vor wenig nachgefragt.

Wer das eine sagt und das andere tut, der hat rein psychologisch betrachtet ein Problem. „Kognitive Dissonanz“ nennt man das, ein innerer Spannungszustand, der entsteht, wenn Denken und Handeln zu weit auseinanderliegen. Die meisten Deutschen müssten diesen Zustand empfinden, wenn sie vor der Fleischtheke stehen. Denn es gibt einen erstaunlichen Unterschied zwischen dem, was Menschen vorgeben zu konsumieren – und was sie tatsächlich konsumieren.

Vorbildliche Esser?

 Beginnen wir in der Welt der Behauptungen: Glaubt man dem Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, dann sind die Deutschen vorbildliche Esser. In der repräsentativen Umfrage gaben 78 Prozent der Befragten an, dass sie auf regionale Produkte Wert legen, und 81 Prozent wollten beim Fleischkauf tiefer in Tasche greifen, wenn dafür ein gewisser Tierwohl-Standard gewährleistet wird.

Moral endet am Geldbeutel

 Umfragen wie diese haben den Discounter Lidl vor einigen Monaten dazu bewogen, sein Fleisch mit Tierschutz-Kennzeichnungen zu versehen. Wer bereit ist, mehr auszugeben, bekommt Fleisch aus besserer Haltung. Das Konzept hat mäßigen Erfolg. Tierfreundliche und damit teurere Produkte werden deutlich weniger nachgefragt als das bewährte Billigsortiment, sagte Jan Bock, Einkaufschef der Kette. „Die Moral endet oft am Geldbeutel, das ist nach unserer Erfahrung so.“ Würden die Deutschen ihren Worten Taten folgen lassen, dürfte es eigentlich nur noch Bio-Lebensmittel geben. Tatsächlich endet aber gerade beim Fleisch die Bereitschaft, tiefer in den Geldbeutel zu greifen, relativ schnell. Im Jahr 2016 lag der Anteil der Bio-Ware beim Geflügel gerade mal bei rund 1,4 Prozent, beim sogenannten Rotfleisch (Schwein und Rind) bei 1,8 Prozent, bei Wurst bei 1,2 Prozent, nur jedes zehnte verkaufte Ei war ein Bio-Ei. Das geht aus Zahlen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft hervor. Insgesamt machten Bio-Produkte im Jahr 2015 gerade mal 4,8 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus.

 Es ist nun auch nicht so, dass die Deutschen besonders wenig Fleisch essen würden. Knapp 60 Kilogramm Fleisch wurden im vergangenen Jahr laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung pro Kopf in Deutschland verspeist. Weltweit reichte das für Platz 21.

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