Moskau Billig, brutal, mit Charisma

Moskau / STEFAN SCHOLL 29.11.2013
Russlands größter Biker-Klub plant den Bau eines "Volkskrads". Der Motor ist schon fertig. Alles andere soll Präsident Putin finanzieren.

Die "Nachtwölfe" wollen ein "Volksmotorrad" auf den Markt bringen. "Ein billiges, brutales Motobike mit dem Charisma der Vergangenheit", erklärt Alexander Saldastanow genannt "Chirurg", Boss des 5000 Mitglieder starken Motorradklubs, der Zeitung Iswestija. Das Motorrad soll 1,5 Liter Hubraum und 100 PS besitzen, nicht mehr als 5000 Dollar kosten und natürlich "Wolf" heißen. Laut "Chirurg" ist der Motor bereits fertig, 2015 soll die Maschine in die Erprobung gehen.

Allerdings reichten private Investitionen kaum aus, um "Wölfe" in Serie zu produzieren, teilte der Klub mit, deshalb wolle man Präsident Wladimir Putin persönlich um staatliche Finanzhilfe bitten. Ein Anliegen mit Erfolgschancen. Denn "Chirurg" und Putin gelten als Kumpel, der Staatschef taucht regelmäßig auf den Meetings der erklärtermaßen mit "russischem Geist" beseelten "Nachtwölfe" auf. Bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr gehörte Soldastanow zu Putins Vertrauensmännern. Entsprechend hoffen Abgeordnete schon auf Impulse für die vaterländische Industrie und neue Qualitäts-Zweiräder für Polizei und Notärzte.

In der Motorradszene ist das Entzücken geringer. "Die Idee kann zur Pleite werden, wenn der Preis nicht stimmt", sagt der Moskauer Harley-Davidson-Vertreter Maxim Belousow. "Die Russen kaufen billige Motorräder aus China, ihre eigenen ,Ural-Maschinen exportieren sie als Rarität."

Im Internet streiten Biker, welche Fabrik ein Motorrad zu Volkspreisen herstellen soll. "Ein Volksmotorrad braucht auch Volksersatzteile", überlegt der Petersburger Motorradfahrer Wladimir. "Aber wo im Land gibt es vernünftige Kugellager, Ketten und Gabeln?" Schon wird spekuliert, ob "Chirurg" auf Staatskosten reich oder Verkehrsminister werden will. Die "Nachtwölfe" beehren gern Waisenhäuser oder russisch-orthodoxe Heiligtümer. Aber wie alle Rocker gelten sie als ruppig bis gemeingefährlich, im Oktober wurde einer von ihnen bei einem Massenansturm auf die Garage einer anderen Bikergang bei Moskau erschossen. Deshalb schreibt ein Nutzer des russischen BMW-Motorrad-Forums: "Also regt euch nicht auf, sollen sie doch schrauben."