Wo soll man da nun klingeln? Der Name Well steht dreimal am Schild des Hauses in München. "1. Stock!" rufts von oben - da wohnt Christoph "Stofferl" Well. Bis vor zwei Jahren bildete er mit zwei Brüdern die Biermösl Blosn. Bayerische Volksmusik mit kritischen Texten, das wurde prägend für eine neue, gar nicht tümelnde Volksmusik. Die Blosn hat sich aufgelöst, aber da sind immer noch jede Menge Wells, die miteinander Musik machen: Von den 15 Geschwistern stehen unter anderem drei Schwestern als Wellküren auf der Bühne, oft mit ihren Brüdern. Und die nächste Generation wächst nach: "nouWell Cousines" nennen sich Christophs Tochter Maresa und Cousine Maria mit Bruder Matthias sowie Alexander Maschke. Praktischerweise wohnen Maresa und Maria nur ein Stockwerk über Christoph. "Hausmusik" ist für die Wells eine Lebensform.

Wie viele Instrumente gibt's in einem Haus mit drei Wells?
MARESA WELL: Ein Cello, drei Geigen, Akkordeon, Mandoline . . .
CHRISTOPH WELL: Mindestens 40.

Machen Sie richtig Hausmusik hier?
MARESA: Zum Spaß selten, eigentlich nur, wenns ums Proben geht.
CHRISTOPH: Musikalisch leben wir von dem, was wir früher so an Hausmusik gespielt haben. Das Repertoire aus meiner Kindheit hab ich an meine Kinder weitervermittelt. Zuerst war die Freude und das Bedürfnis, dass man zusammen Musik macht. Bei uns daheim war das halt an Auftritte geknüpft.

Wieso eigentlich?
CHRISTOPH: Weil Volksmusik Gebrauchsmusik ist. Für Hochzeiten, Beerdigungen, Kindstaufen, zum Tanzen. Diese Musik hat das Ziel, dass man andere unterhält und bestimmte Situationen im Leben mit Musik ausfüllt. Wenn einer Geburtstag hat, dann spielen wir zusammen, und das ist wunderschön. Mit anderen muss ich üben, die Musik mit den Geschwistern ist abrufbar.

Treten die Wells deshalb so gern mit Familienmitgliedern auf? Haben Sie jemals nicht zusammen gespielt?
CHRISTOPH: Mit ein paar Geschwistern spiel ich ja nicht zusammen (lacht). Da gibts ein blindes Verständnis. Man kennt sich so gut, dass man mit dem anderen empfindet und denkt. Das funktioniert, ob wir Kreisler oder Beethoven spielen, Rap oder Hip-Hop.

Will man da nicht mal ausbrechen?
CHRISTOPH: Doch. Deshalb hab ich ja Harfe gelernt! Das kann ich allein spielen, so klinge ich. Der Mensch ist ja ein Geräusch.

Und Stofferl Well ist eine Harfe?
CHRISTOPH: Ja, in meiner Mitte bin ich eine Harfe. Auch wenn die Maresa sagt, ich wär ein Dudelsack.

Wo liegt denn der musikalische Urgrund der Wells?
CHRISTOPH: In der "Schrammelmusik". Unsere Mutter hat die Zither gespielt - nicht gut. Und die Geige der Vater - auch nicht gut. Deswegen hat keines der Kinder Geige gelernt, weil man lernt ja nur, was einem gefällt. Der Vater hatte zwei linke Hände und war hochmusikalisch, die Mutter hat zwei rechte Hände, ist geschickt und unmusikalisch. Obwohl es unmusikalisch gar nicht gibt - ihr Gehör war halt nicht geschult. Deshalb ist Hausmusik, ist Singen in der Familie so wichtig: Das Hören, das Intonieren lernt man nur als Kind so richtig, indem man sich zum Klingen bringt. Außerdem ist es doch ein Urinstinkt. Einem Baby singt man automatisch vor, das vermittelt ihm Geborgenheit, Sicherheit, ein Zusammengehörigkeitgefühl. Ich glaube, dass daraus die Hausmusik entstanden ist.

Kann das in der Familie nicht auch eng sein?
CHRISTOPH: Jede Form von Druck verleidet dem Kind die Musik. Ich habe meinen Kindern immer gesagt: "Ihr dürft üben." Für mich war es eine Gnade, dass ich Trompete lernen durfte: Ich hab einen großen Steinpilz gefunden, und dann hat mir mein Bruder zur Belohnung die Trompete in die Hand gedrückt.
MARESA: Ich hatte aber auch Phasen, wo ich nicht so viel Lust hatte. Da war es gut, wenn die Eltern ein bissl dahinter waren.

Du hast ja dann Geige gelernt, Maresa.
MARESA: Ich war die erste, die sich an die Geige gewagt hat. Der Papa hätte mir das nicht vorgeschlagen, aus familiärer Vorbelastung. Aber er hat dann parallel mit mir angefangen, Unterricht zu nehmen.
CHRISTOPH: Irgendwann hab ich erkannt, dass die Geige das schönste Instrument überhaupt ist. Aber ich wollte die Maresa nicht beschränken und war sehr froh, dass sie von selbst angefangen hat. So hat sie mir was beibringen können, das war der Hintergedanke.

Die Musik von "nouWell Cousines" wurzelt immer noch in der Volksmusik. Worin setzt Ihr euch ab?
MARESA: Wir alle haben eine klassische Ausbildung. Natürlich spielen wir gern Volksmusik, das läuft für mich automatisch, da muss ich nur meinem Körper vertrauen. Aber wir begreifen uns - noch - nicht als so politisch wie die Biermösl Blosn.

Können Sie mit Ihrem (volks-)musikalischen Nachwuchs wie LaBrassBanda noch was anfangen?
CHRISTOPH: Das, was wir als Biermösl Blosn versucht haben, die Volksmusik aus der gesellschaftlichen Irrelevanz zu holen, wird von denen weitergesponnen. Wie sich Sprachen und Menschen ändern, so ändert sich die Musik. Es wär idiotisch, nichts Neues zu versuchen.

Alex, wie ist das für Dich als Nicht-Well mit den Cousinen?
ALEX MASCHKE: Gut! Ich bin als Kind aus Berlin nach Bayern gekommen. Geige habe ich gelernt, weil ich als Kind am Radio die Sender durchgeklickt habe, bis es mir gefallen hat - das war häufig Klassik.
CHRISTOPH: Der Radio war also deine Hausmusik.

Aber das Bairische hat ja schon einen speziellen Humor, oder?
MARESA: Der Alex hat Humor! Auf der Bühne nutzen wir das kleine Detail, dass der Alex aus Berlin kommt, ein klein bisschen aus . . .
ALEX: . . . Volksmusik muss ja nicht nur von Bayern gemacht werden, oder? Ich fands immer ein bisschen langweilig, Musik nur nach Noten zu spielen. Deswegen war das für mich so faszinierend, dass das Spielen bei den Wells so natürlich ist. Auch, dass man Fehler machen kann - man spielt nach Gehör, passt sich aneinander an.
CHRISTOPH: Das Schöne am Hausmusikmachen ist ja, dass man Musik für sich als Familie zusammen macht. Da ist kein Perfektionsanspruch dahinter, sondern der gemeinsame Spaß. Und wo man zusammen lacht und sich freut, wird weniger gestritten, sondern dem andern zugehört.

Musikanten und Verwandte

Christoph Well, geboren 1959, ist Trompeter und Konzertharfenist und bildete seit 1976 mit seinen Brüdern Hans und Michael die Biermösl Blosn, die auch durch ihre Auftritte mit Gerhard Polt bekannt ist. 2012 löste sich die Gruppe auf, Christoph spielt jetzt u.a. mit den Brüdern Michael und Karli als "Well Brüder ausm Biermoos" und als "Geschwister Well" mit Burgi, Bärbi und Moni alias Wellküren.

Maresa Well, 25 Jahre alt, hat an der Münchner Musikhochschule studiert und spielt mit Alexander Maschke, ebenfalls 25, sowie Cousine Maria und Cousin Matthias bei den "nouWell Cousines".