Festnahmen Beten gegen das Unrecht in der Türkei

Seit Sommer bitten Mitglieder der Gethsemanegemeinde in Berlin für die Freilassung in der Türkei Inhaftierter. Zunächst ging es vor allem um ihr Gemeindemitglied Peter Steudtner. Als er Ende Oktober freikam, wurden die Fürbitten fortgesetzt.
Seit Sommer bitten Mitglieder der Gethsemanegemeinde in Berlin für die Freilassung in der Türkei Inhaftierter. Zunächst ging es vor allem um ihr Gemeindemitglied Peter Steudtner. Als er Ende Oktober freikam, wurden die Fürbitten fortgesetzt. © Foto: dpa
Berlin / André Bochow 18.12.2017
In der Gethsemanekirche beten Menschen um die Freilassung politischer Gefangener und inhaftierter deutscher Staatsbürger.

Es dauert ein bisschen, aber dann flackern die Kerzen in der nassen, windigen Kälte eines typischen Berliner Dezemberabends. 20 Minuten vor den 18-Uhr-Glockenschlägen bereiten Iris Hertel und Detlef Gesch die Aktion vor. Heute muss vor der Kirchentür gebetet werden, wegen eines Weihnachtskonzerts. „Ist vielleicht nicht jedermanns Sache“, sagt Hertel, „aber vielleicht fühlen sich ja Passanten eingeladen.“ Die Frau mit der Strickmütze lebt schon seit langem in diesem Prenzlauer-Berg-Kiez. Die Gethsemanekirche hat während des Umbruchs in der DDR eine wichtige Rolle gespielt.  „Das ist Teil unserer Geschichte“, erklärt die junge Pfarrerin Almut Bellmann. Die Verknüpfung zu den Ereignissen heute habe die Gemeinde sehr schnell hergestellt.

„Ich bin 1989 dazugekommen“, sagt Detlef Gesch. „Ab September, als der Aufruf des Neuen Forum auslag.“ Auch damals brannten Kerzen. Friedlich blieb es nicht immer.  Am 7. und 8. Oktober 1989 wurden an der Gethsemanekirche Demonstranten von der Polizei niedergeknüppelt.

Nun geht es wieder um Gewalt gegen Menschen. Um willkürliche Verhaftungen und Folter in der Türkei. „Der Grund, sich zu engagieren, hat sich nicht geändert“, sagt Iris Hertel. Wir wollen uns auf unsere Weise äußern und es ist wichtig, dass sich die Kirche wieder politisch verhält.“ Die zierliche Frau, die als Restauratorin am Ägyptischen Museum arbeitet, erklärt, dass man jetzt „ganz besonders David Britsch im Fokus“ habe. Britsch ist ein Pilger, der vor einem Jahr von seinem Heimatort Schwerin aufbrach, um nach Jerusalem zu laufen. Seit April sitzt er in türkischer Haft. Ohne Anklage, ohne Gerichtsverfahren. Iris Hertel zählt weitere Namen auf, die „stellvertretend für die zu Unrecht in der Türkei Inhaftierten stehen“. Mesale Tolu, Deniz Yücel oder Nedim Türfent. Der Prozess gegen die Journalistin Tolu geht am heutigen Montag weiter. Nachdem ihr Mann kürzlich freigelassen wurde, hoffen ihre Unterstützer nun, dass auch für sie die Haft ein Ende findet.

Türfent saß seit dem 12. Mai 2016 in Untersuchungshaft. Er arbeitete für die pro-kurdische Nachrichtenagentur DIHA und stand unter Terrorismus-Anklage. Die meisten Zeugen, die ihn belasteten, hatten schon im Juni ausgesagt, dass sie gefoltert wurden. Laut einer kurdischen Quelle wurde Türfent am vergangenen Freitag trotzdem zu fast neun Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner, der knapp vier Monate in der Türkei inhaftiert war wartet noch auf seinen Prozess. Steudtner ist seit Ende Oktober zu Hause. „Als er wieder da war, ist er gleich am Sonntag in den Gottesdienst gekommen und hat auch ein paar Worte gesprochen“, erzählt Pfarrerin Bellmann. „Er war noch sichtlich mitgenommen und gleichzeitig froh und dankbar für das Engagement seiner Gemeinde. Er hat auch gesagt, wie sehr es ihm geholfen hat, zu wissen, dass hier täglich an ihn und die anderen Gefangenen gedacht wird.“

Schnell tauchte die Frage auf, wie es mit den Fürbitten weitergehen solle. „In den ersten Tagen nach Steudtners Rückkehr war es wichtig zusammenzukommen um dem Gefühl von Dankbarkeit Raum zu geben“, sagt die Pfarrerin. „Das war so etwas wie eine positive Erschütterung.“  Später fanden sich einige, die die täglichen Gebete fortsetzen wollten.

Dreizehn sind dieses Mal gekommen. Zum Wind gesellt sich eisiger Schneeregen. Passanten bleiben nicht stehen. Wer heute solidarisch sein will, der hat es sich vorher überlegt. Auch Peter Steudtner kommt immer mal wieder zu den Gebeten. Wie lange es diese Form des Protestes noch geben wird, ist nicht klar. „Wir beraten im Januar“, sagt Iris Hertel. Detlef Gesch wünscht sich beim Kerzengebet, sein Licht möge „besonders für die bevorstehenden Prozesse leuchten und für diejenigen, die dabei Verantwortung tragen“. Wie es aussieht, wird dies nur selten erhört. Und selbst wenn sie in der Gemeinde wissen, dass auch Diplomatie nötig war, um Peter Steudtner aus der Haft zu holen, den Unentwegten ist die Befreiung Beweis dafür, dass Kerzen und Gebete etwas auszurichten vermochten.

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