Berlin Benimmfibel für alle

Berlin / GUNTHER HARTWIG 16.01.2016
Grüß Gott und willkommen in Deutschland! Eine Benimmfibel für Alle!

Die vom Innenministerium finanzierte Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet eine Orientierungshilfe für "Besucher, Geflüchtete und zukünftige Bürger Deutschlands", um diesem Leserkreis auf möglichst anschauliche Weise die wichtigsten Regeln des ordentlichen und gesetzeskonformen Zusammenlebens in ihrer neuen Heimat zu vermitteln. Grüß Gott und willkommen in Deutschland!

Das schmale Werk, das im vergangenen Herbst erschienen ist, hat sich als Volltreffer erwiesen. Die erste Auflage war schnell vergriffen, es wird nachgedruckt. Vorsichtshalber betonen die Herausgeber, dass die Ratschläge und Leitlinien nicht etwa in überheblicher Absicht formuliert seien, und haben bei Pro Asyl nachgefragt, ob es inhaltliche Einwände gegen den Verhaltenskodex für Neudeutsche gibt - offenkundig nicht.

So erfährt der wissbegierige Flüchtling zum Beispiel, dass "Deutsche ihren Müll trennen" und "nicht einfach auf den Boden werfen". Dass das Wasserlassen in der Öffentlichkeit ein Vergehen darstellt, wogegen es bei "sozialen Anlässen, gerade abends, normal ist, Alkohol zu trinken", wenn auch nicht im Übermaß. Ein bisschen irritierend erscheint der Hinweis an das migrantische Klientel, dass es in der deutschen Öffentlichkeit, "besonders im Bus oder im Zug, als unhöflich angesehen wird, laute Gespräche zu führen".

Jeder, der hin und wieder mit der Bahn reist, kann dagegen von Exzessen telefonischer Kommunikation berichten, von schmerzhaften Attacken auf die Organe unbeteiligter Zeitgenossen. Die Verursacher sind überwiegend einheimisch. Andere Formen notorischer Normverletzung und sittlicher Verrohung - im Verkehr, am Arbeitsplatz, auf öffentlichen Plätzen - hat der "Spiegel"-Reporter Jörg Schindler schon vor Jahren in seinem Bestseller "Die Rüpel-Republik" beschrieben. Resümee: Mit Rücksicht, Anstand und Rechtstreue haben es die Deutschen nicht mehr so.

Wie wäre es deshalb, wenn die Bildungszentrale ihre Benimmfibel nicht bloß an Flüchtlinge und andere Zuwanderer verteilt, sondern gleich an alle Haushalte dieses Landes? Das bekäme der deutschen Alltagskultur und gutbürgerlichen Zivilität sicher besser als jeder Versuch, die Bundesrepublik als Idylle vorbildlichen Betragens darzustellen, der von massenhafter Zuwanderung nun plötzlich Ungemach droht.

Mit Rücksicht und Anstand ist es nicht mehr weit her.

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