Leitartikel Bayreuther Festspiele: Belastete Kunst

Jürgen Kanold
Jürgen Kanold © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Jürgen Kanold 25.07.2018

Es beginnt mit einer Regierungskrise – auch in Richard Wagners „Lohengrin“ geht es um die Machtfrage. Und um einen Erbfolgestreit. Das kommt einem sehr bekannt vor. Etwa so könnte man, mit etwas Fantasie, die Oper lesen und besetzen: Der von seiner verschlagenen Gattin Ortrud angetriebene Telramund (Horst Seehofer in einer Doppelrolle) klagt die arme Elsa (Angela Merkel) an, ihren Bruder Gottfried umgebracht zu haben – sagen wir also: großen Schaden über das Land zu bringen. Aber eigentlich will der böse Graf Telramund nur die Herrschaft übernehmen. Doch Elsa wird verteidigt von einem überirdischen Ritter, Lohengrin genannt, der plötzlich auf einem Schwan daherkommt. Da endet jetzt freilich die Analogie, denn wer sollte dieser bundesrepublikanische Held nur sein? Doch nicht etwa Jens Spahn?

Nein, im Ernst: Kanzlerin Merkel wird sich heute in ihrem Bayreuther Wagner-Urlaub die Festspielpremiere des „Lohengrin“ anschauen, aber, kundig wie sie ist, nicht alles auf sich beziehen. Schließlich muss Elsa in dieser Oper am Ende sterben, damit das Land erlöst wird und Lohengrin den von einem bösen Zauber befreiten Gottfried dem selig erstaunten Volk präsentieren kann: „Zum Führer sei er euch ernannt!“

Gruselig. Vor allem in Bayreuth, wo bis heute Richard Wagners Festspielhaus nur seinem Werk geweiht ist und wo früher antisemitische Deutschnationale und, noch furchtbarer, die Nationalsozialisten sein Werk genossen und propagandistisch ausschlachteten, schaudert es einen bei diesem Gesang.

Lohengrin berauscht und warnt

Gerade der „Lohengrin“ mit seiner wunderbaren Musik, von der Bayernkönig Ludwig II. so begeistert war, dass er Neuschwanstein baute, ist für einen Führer- und Heldenkult oft herangezogen worden. „Das ist die Kunst, die wir brauchen“, ereifert sich in Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ der eilfertige Diederich in einer „Lohengrin“-Vorstellung: „Das Bestehende, Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der höchste Wert gelegt, und das Volk . . . schlug sich willig gegen die Feinde seiner Herren.“ Schlimm, in vielerlei Beziehung: dass Kunst derart affirmativ verstanden und benutzt werden kann und dass in allen Zeiten nach Helden und politischen Heilsbringern geschrien wird. Das sind eigentlich Relikte der erzkonservativen bis braunen Geschichte. Man kann nur hoffen, dass der neue, demokratiefeindliche Rechtspopulismus dieses kulturelle Spielfeld nicht entscheidend besetzt.

Die Freiheit der Kunst muss unantastbar sein. Wagners Werk ist gerade im geschichtsbelasteten Bayreuth diesbezüglich ein besonderer Prüfstein. Es ist faszinierende Oper, weil sie nicht nur berauscht, sondern uns bis heute viel sagen kann, auch als warnendes Beispiel. Die Regisseure sind gefordert: Oper muss sich mit den relevanten Fragen unserer Zeit auseinandersetzen, gerade die alten Stoffe neu befragen und deuten.

Der „Lohengrin“ ist natürlich keine banale Polit-Comedy. Man darf gespannt sein, wie der israelisch-amerikanische Regisseur Yuval Sharon die Oper erzählt.

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