Paris Beim Freihandelsabkommen mit den USA bleibt die Kultur ausgeklammert

Filmerfolge wie mit dem Streifen "Ziemlich beste Freunde" bestärken die Franzosen darin, ihre Kultur gegen jeden Angriff von außen zu verteidigen. Foto: dpa
Filmerfolge wie mit dem Streifen "Ziemlich beste Freunde" bestärken die Franzosen darin, ihre Kultur gegen jeden Angriff von außen zu verteidigen. Foto: dpa
Paris / PETER HEUSCH 22.06.2013
Die Europäische Union und die USA haben beim G-8-Gipfel in Nordirland auch den Startschuss für ein Freihandelsabkommen gegeben. Frankreich jedoch schert aus: Freihandel ja, kultureller Ausverkauf nein.

Kaum anzunehmen, dass US-Präsident Barack Obama seine ehrgeizige Abrüstungsinitiative lieber auf der Pariser Place de la Concorde als vor dem Brandenburger Tor in Berlin verkündet hätte. Schließlich haben die dickköpfigen Franzosen um ein Haar das große Wunschprojekt einer Freihandelszone zwischen Europa und den USA torpediert. Erst nachdem Brüssel und Washington einwilligten, Kultur und Medien aus den Gesprächen auszuklammern, zog Paris sein Veto gegen die Aufnahme der Verhandlungen zurück.

Verärgert über die ewigen Querschüsse der Franzosen sind jedoch keineswegs nur die Amerikaner. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zeigte sich dermaßen ungehalten über die mühsame Kompromisssuche, dass er alle diplomatische Zurückhaltung fahren ließ und Frankreich als ein "rückständiges Land" beschimpfte.

Darüber wiederum war man in Paris zutiefst empört. Doch unter dem Strich überwiegt an den Ufern der Seine bei weitem das schöne Gefühl, ganz in der Tradition der unbesiegbaren Gallier einen hinterhältigen US-Angriff auf die sakrosankte französische "exception culturelle" (kulturelle Ausnahme) zurückgeschlagen zu haben.

Tatsächlich haben die Franzosen ihren Extrastatus seit jeher mit Klauen und Zähnen verteidigt, weil sie diesen Kampf als ein Ringen um ihr Selbstverständnis und ihren internationalen Rang verstehen. Die Grande Nation mag Vergangenheit sein, Frankreich politisch, wirtschaftlich und militärisch nur noch die Rolle einer Mittelmacht spielen. Aber als Kulturnation hat das Land weiterhin globale Geltung. Wobei der französische Kulturbegriff sich eben nicht nur auf Sprache, Literatur, Kino, Chanson und die schönen Künste beschränkt, sondern auch die Medien, die Haute Cuisine, die Haute Couture und das "savoir vivre" einschließt.

Höchstens der Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft vermag unsere Nachbarn ebenso stolz zu machen wie die von Marion Cotillard und Jean Dujardin errungenen Oskars oder der weltweite Triumph des Films "Ziemlich beste Freunde". Sie sind ihnen unschätzbare Beweise dafür, dass die Gallier auch heute noch einer aus Hollywood-Produktionen, Hamburgern und Coca-Cola gebildeten Invasionsarmee zu trotzen wissen. Und was den Bewohnern jenes legendären unbesiegbaren Dorfs der Zaubertrank ihres Druiden war, sind den Erben die Subventionen, mit denen Frankreich seine kulturelle Identität fördert und verteidigt.

Französischen Kulturschaffenden wird vom Staat beinahe grundsätzlich und in allen erdenklichen Formen unter die Arme gegriffen. So gibt es Quoten für französische Chansons im Radio und für französische Kino- sowie TV-Produktionen im Fernsehen oder Fördermittel für die Filmindustrie, welche sich auf rund einer Milliarde Euro im Jahr summieren.

Kein Zufall also, dass Frankreich nach Hollywood und Bollywood als drittgrößte Kinomacht glänzt. Doch gerade weil die Franzosen auch mit nicht freihandelsgerechten Mitteln wie Subventionen, Quoten und Sondersteuern nicht nur ihre Kultur sondern auch ihre Identität gegen das globale Imperium verteidigen, sind sie unverhandelbar.

Gewiss verspricht man sich auch in Paris mehr Wachstum und Wohlstand von einem Freihandelsabkommen mit den USA. Aber in einem Punkt, da hat Barroso vollkommen Recht, sind die Franzosen ebenso fürchterlich wie bewundernswert rückständig: Die Kultur werden sie nie als eine Ware betrachten wie Wein, Rinderhälften, Automobile oder Bohrmaschinen. Aus patriotischer Sicht fehlt ihnen jede Bereitschaft, ihre Seele auf dem Altar des Freihandels zu opfern.