Eier-Skandal Leitartikel: Behörden haben im Ei-Skandal zu spät aufgeklärt

Mathias Puddig 07.08.2017

Die wichtigste Handlungsanweisung während des sogenannten Eier-Skandals ist wohl diese: Bloß keine Panik! Tatsächlich ist zwar in Eiern ein Insektizid entdeckt worden. Nach allem, was man bislang weiß, sind die Mengen aber ungefährlich. Für Erwachsene sowieso, doch selbst Kinder müssten schon sehr viele Eier essen, um einem Risiko ausgesetzt zu sein. Dass sie dann tatsächlich krank werden, wäre immer noch unwahrscheinlich. Und woran genau sie erkranken würden, weiß kein Mensch. Fest steht: Niemand wird tot umfallen, nachdem er verseuchte Eier gegessen hat. Wäre diesen Sommer ein spannender Bundestagswahlkampf in vollem Gange, würde sich kaum jema­nd für die Fipronil-Eier interessieren.

Dass der Wahlkampf (noch) ruht, kann aber auch eine Chance sein. Der Fipronil-Skandal wäre dann eine Trockenübung, die aufzeigt, wie gut oder schlecht die Mechanismen bei Lebensmittelskandalen funktionieren. Eine Simulation, die aufdeckt, ob die Abläufe nach all den vergangenen Vorkommnissen – Ehec-Gurken, Pferde-Lasagne, Gammelfleisch – verbessert wurden. Und da sieht’s ziemlich schlecht aus. Wie man jetzt weiß, haben die belgischen Behörden Verdachtsfälle absichtlich geheim gehalten. Schon Anfang Juni war ihnen bekannt, dass Insektengift in Eier gelangt sein könnte. Erst am 20. Juli unterrichteten sie die EU-Kommission und damit auch die Nachbarländer. Bis der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt vor die Öffentlichkeit trat, vergingen nochmal mehr als zwei Wochen. Erst als ein Bundesland nach dem anderen Funde von verseuchten Eiern meldete, schaltete er sich ein. Das war viel zu spät. Viel zu lange ließ er die Verbraucher verunsichert. Viel Erhellendes über die Hintergründe des Skandals konnte er am vergangenen Donnerstag dann auch nicht verkünden. Nicht einmal die Anzahl der verunreinigten Eier ist derzeit klar. Und unterdessen versuchte Aldi, vom Skandal zu profitieren, indem das Unternehmen gleich mal alle Eier aus den Regalen nimmt. Für den Discounter war das eine nette Werbung, für alle Bauern, die sich an die Regeln halten, schlimmstenfalls eine existenzbedrohende Katastrophe.

Auch wenn die Bundesregierung anderes behauptet: Ihr Management des Fipronil-Skandals war nicht professionell. Da hilft es auch nicht, auf Belgien und die Bundesländer zu verweisen. Sicher, die Belgier hätten anders reagieren müssen. Aber auch die Abstimmung zwischen Ländern und Bund war offenbar keineswegs reibungslos. Die Verbraucher sind viel zu lange im Unklaren geblieben. Dass verseuchte Lebensmittel die Menschen unverhältnismäßig stark erregen, ist kein neues Phänomen: Schon vor 131 Jahren reimte der Berliner Mundartdichter Alexander Moszkowski ironisch: „Aber seit man die Bazillen / Und dergleichen Zeugs erfund, / Is der Mensch total geliefert, / Alles is jetzt unjesund.“ Moszkowski selbst wurde übrigens 83 Jahre alt.

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