Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Situation am Kornmarkt in Bautzen so hochkocht wie in der Nacht zum Donnerstag: Rechtsextreme und Asylbewerber provozieren sich, aus einer Gruppe von Flüchtlingen fliegen Flaschen und Steine in Richtung der Rechten, am Ende jagen dutzende Deutsche rund 20 junge Asylbewerber durch die Stadt, die Polizei muss beide Gruppen mit einem Großaufgebot trennen.

Die Geschehnisse haben sich seit Wochen angedeutet. „Unerträglich“ nannte die Situation etwa der Chef des dortigen Hotels „Best Western“, Holger Thieme. Seine Gäste trauten sich abends kaum noch, durch die barocken Gassen der schön restaurierten Altstadt zu bummeln – aus Angst, angepöbelt oder in Schlägereien hineingezogen zu werden. So schrieb er schon vor Tagen in einem scharfen Brief an Polizei und Stadtverwaltung. Allein zu Wochenbeginn hätten ihn 58 Beschwerden erreicht.

Denn hier, zwischen Hotel und einem neuen Einkaufstempel, treffen sich allabendlich teils halbwüchsige Marokkaner, Libyer und Syrer. Das geht zuweilen südländisch-temperamentvoll zu, leider aber auch schon mal blutig. So überfiel Ende Juni kurz vor Mitternacht eine Gruppe Nordafrikaner mit Holzlatten, Knüppeln und Reizgas junge Syrer.

Für viele Bautzener verdichtete sich das Bild einer Ordnungsmacht, die nicht in der Lage sei, für Ruhe zu sorgen. Und so fühlte sich die rechte Szene berufen, auf eigene Faust vermeintliches Recht durchzusetzen. Ohnehin ist das öffentliche Klima der Stadt arg rechtslastig. Erinnert sei an den Brandanschlag im Februar auf ein Flüchtlingsheim, nach dem Schaulustige die Feuerwehr behinderten. Oder an die wüsten Beschimpfungen im März gegen Bundespräsident Joachim Gauck, als dieser mit Einwohnern das Flüchtlingsthema diskutieren wollte.

Also zog das laute, oft ungezähmte Treiben der jungen Flüchtlinge immer mehr rechte Krakeeler auf den Kornmarkt. Zugleich versammelt sich hier abends viel junges Volk, da die Stadt ein offenes Wlan eingerichtet hat. Kleinere Handgreiflichkeiten schienen unvermeidlich, und sei es, weil alkoholisierte Deutsche meinten, „die Araber“ hätten ihre Mädchen angemacht. Oft mussten Polizisten schlichten. Doch zum Ärger der Anwohner wie auch von Hotelchef Thieme sprachen sie weder Alkoholverbote noch Platzverweise gegen aktenkundige Hitzköpfe aus. Auch das Wlan blieb unangetastet.

Also machte im Gegenzug das linke Bündnis „Bautzen bleibt bunt“ gegen die zunehmend aggressive rechtsradikale Szene mobil. Für die Zeit vom 3. September bis zum Tag der deutschen Einheit organisiert es zudem gerade die „1. Bautzener Demokratiewochen“.

Einen Höhepunkt sollte vergangenen Freitag eine linke Kundgebung auf dem Kornmarkt bilden. Allerdings hatten die Behörden zeitgleich auch eine Demo des rechten Lagers genehmigt: Man sei von „sehr niedrigen Teilnehmerzahlen“ ausgegangen, hieß es anschließend – nachdem zahlenmäßig unterbesetzte Polizei bei 30 Grad im Schatten nur mit Mühe eine Massenprügelei hatte verhindern können. Es flogen Flaschen und Böller aus dem linken Block, rechte Schläger belagerten das Steinhaus, ein soziokulturelles Zentrum, das auch einige der 180 Flüchtlinge im Landkreis betreut. Bei den Provokationen spielten auch einzelne Libyer und Syrer auf Seiten des Pro-Asyl-Bündnisses keine friedliche Rolle. Teils reizten sie lautstark die Rechten, teils warfen sie Flaschen. Im Ergebnis brannte am Wochenende endgültig die Luft.

Schon am Montag und Dienstag kam es am Kornmarkt dann wieder zu Handgemengen, in der Nacht zum Donnerstag schließlich zu Gewaltexzessen. Hierzu hatten sich rund 80 offenbar gewaltbereite Deutsche am Kornmarkt versammelt, unter ihnen laut Polizei „viele Rechtsextreme“. Anders als in den Vorwochen, da man sich eher gegenseitig hochschaukelte, skandierten sie erst ausländerfeindliche Parolen, um dann massiv auf die rund 20 jungen Flüchtlinge loszuschlagen.

Etwa 100 Polizisten konnten zunächst beide Lager trennen, wobei sie nun auch von Asylbewerbern mit Flaschen und Holzlatten attackiert wurden. Als sich jedoch das Geschehen aus der Innenstadt wegbewegte, waren regelrechte Jagdszenen zu beobachten. Der rechte Mob teilte sich in Kleingruppen auf und verfolgte die Asylbewerber bis zu ihrer Herberge im Westen der Stadt. Selbst ein Rettungswagen wurde mit Steinen beworfen, als dessen Crew versuchte, einen 18-jährigen verletzten Marokkaner zu versorgen. Erst nachts um halb drei war der Spuk beendet.

Gestern wurden vier von der Polizei als Rädelsführer identifizierte Flüchtlinge im Alter zwischen 15 und 20 Jahren an andere Orte gebracht. Außerdem wurde die Hausordnung im Asylheim verschärft: Für die etwa 30 unbegleiteten, minderjährigen Asylbewerber gelten nun ein Alkoholverbot und eine Ausgangssperre ab 19 Uhr.