Friedrich Merz Friedrich Merz: Aus einem Land vor Merkel

Friedrich Merz hat es  geschafft, sein Hoffnungs­träger-Sein über ein Jahrzehnt zu konservieren. 
Friedrich Merz hat es geschafft, sein Hoffnungs­träger-Sein über ein Jahrzehnt zu konservieren.  © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Berlin / Ellen Hasenkamp 04.12.2018
Wie kein anderer steht Friedrich Merz für die gute alte CDU. Er selbst muss dafür gar nicht viel tun.

Ist es Freude oder Rührung? Oder ist Friedrich Merz, 63 Jahre alt und womöglich der nächste deutsche Bundeskanzler, grade ein bisschen nervös? Umrahmt vom Industrieambiente der Kulturwerft Gollan in Lübeck breitet er ein paar geknickte Din-A-4-Blätter vor sich aus, biegt die Mikrofone in seine Richtung seines Zwei-Meter-Körpers, knöpft sich das graue Jackett zu. „Meine Damen und Herren, liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde“, beginnt er und atmet tief durch. „Es macht richtig Spaß“, sagt er weiter und holt nochmal Luft, „wieder dabei zu sein.“ Geschafft, Applaus, Merz lächelt.

Tatsächlich, er ist wieder dabei. Die Rückkehr des Friedrich Merz ist das Polit-Comeback des Jahres, ach was, es ist ein Ereignis, wie es das so noch nicht gegeben hat in der bundesrepublikanischen Politik. Da kommt einer zurück, dem es gelungen ist, ein vergängliches Gut wie das Hoffnungsträger-Sein über ein Jahrzehnt zu konservieren. Er hat dies geschafft mit dosierten Einwürfen und ausgewählten Auftritten, die immer eines signalisierten: Ich bin raus aus diesem Zirkus, aber können tue ich es immer noch und zwar besser. Genau das glauben seine Anhänger, vielleicht glauben sie es sogar noch ein bisschen mehr als er selbst. Geraune, Merz könne wieder einsteigen in die Politik, löste zuverlässig eine kleine La-Ola-Welle im Merz-Fanblock aus.

All diese Erwartungen an klare Kante und konservatives Profil, die Merz auf seinem Weg zum Hamburger Parteitag entgegenschlagen, sagen womöglich mehr aus über die Sehnsüchte der CDU nach 18 Jahren unter Angela Merkel als über den realen Friedrich Merz.

Merz ist Mythos“, beschrieb es der Thüringer CDU-Chef Mike Mohring, kaum dass die Ambitionen des Sauerländers die Runde gemacht hatten. In der Partei kursieren Geschichten wie die von einem wirtschaftsnahen Christdemokraten und seinem euphorischen Rundschreiben: „Zehn Gründe, warum März es werden muss“. März wohlgemerkt, mit ä, und zwar durchgängig. So genau kennt ihn manch einer wohl gar nicht, aber werden muss er es.

Turboventilator in Gang gesetzt

Wenn der angekündigte Rückzug von Merkel einen frischen Luftzug in die CDU gelassen hat, dann hat die Kandidatur von Merz für den Parteivorsitz einen Turboventilator in Gang gesetzt. Doch wie nachhaltig ist dieser Herbststurm? Was passiert, wenn am Freitag die tausend Delegiertenstimmen ausgezählt sind: Wird ein Sieg von Merz das politische Koordinatensystem hierzulande neu justieren? Oder wird eine Niederlage von Merz die Konservativen in der CDU endgültig heimatlos machen?

Und warum tut sich das ein Mann an, der als Wirtschafts-Anwalt und Aufsichtsrat gut im Geschäft und auch ansonsten scheinbar ganz zufrieden ist? Der Millionen auf dem Konto liegen und zwei Flugzeuge im Hangar stehen hat? Auf die naheliegende Frage nach seinem Einkommen fand der Millionär erst nach einigem Herumgeeiere über „geordnete Verhältnisse“ und „gehobene Mittelschicht“ eine klare Antwort. Wie zum Ausgleich trat er tags darauf in einem geradezu verbeult wirkenden Anzug auf.

Keine Zeit für Sentimentalitäten

Seine Familie sei „alles andere als überschwänglich begeistert“, bekannte Merz im Deutschlandfunk. Er selbst spricht von „staatsbürgerlicher Verantwortung“. Nur um den Vorsitz einer Volkspartei jedenfalls geht es Merz nicht, das wird klar, wenn er das Rednerpult mit seinen langen Armen umgreift und voller Tatendrang von einem Bein auf das andere tritt. „Natürlich geht das gut“ mit einem CDU-Chef Merz und einer Kanzlerin Merkel, beteuert er. Doch ebenso natürlich ist: Merz‘ Ziel ist die Regierungsspitze. Anders als seine Konkurrenten hält er sich nicht lange mit der Seelenmassage der verunsicherten CDU-Mitglieder auf. Wenn Merz spricht, geht es immer um die ganz große Lage.

Eine Lage, die ihn nach eigenen Angaben quasi zurückbeordert hat, in der die CDU auf erschütternde 20-Prozent-Werte absinkt und die Konkurrenz am rechten Rand auf der Überholspur lauert.

Fragt man bei Ralph Brinkhaus nach, warum sich auf einmal alles ändert, die Volksparteien schwächer und die Populisten stärker werden, antwortet der Unionsfraktionschef mit einer Gegenfrage: „Kennen Sie ‚Der Doktor und das liebe Vieh‘?“ Er habe den Eindruck, dass alle populistischen Bewegungen in Europa und auch die AfD genau dorthin zurückwollten – in die 50er Jahre, wo die Dinge geordnet und überschaubar waren, wo keine Unklarheit die Idylle störte.

Nun weiß der globale Geschäftsmann Merz sehr gut um das Chaos unserer Zeit, das sowohl Überforderung als auch Chance bedeuten kann. Und doch schwingt in der Merz-Begeisterung eine Sehnsucht nach früher mit, nach den besseren Zeiten – auch wenn es vielleicht die „Schwarzwald-Klinik“ ist und nicht „Der Doktor und das liebe Vieh“.

Ob Merz es will oder nicht, er bedient die Nostalgie der alten CDU. Selbst in der Jungen Union hat Merz viele Anhänger – obwohl dort wahrscheinlich nur wenige diese heile TV-Welt kennen. Mit einem wie ihm, das strahlten seine Anhänger in Lübeck, in Halle, in Böblingen und in Düsseldorf aus, wäre es irgendwie besser. Die Flüchtlinge wären nicht da oder zumindest nicht so viele, die Wehrpflicht gäbe es noch, die Flieger der Bundeswehr wären nicht diese jämmerliche Pannenflotte und die Steuern wären niedriger, würden aber besser genutzt.

Das Verrückte dabei ist: Merz bemüht sich durchaus, diese Sichtweise einzudämmen. Aber die Größe der eigenen Projektionsfläche kann er offenbar nicht bestimmen. Er sagt, er hätte 2015 in Sachen Flüchtlinge vermutlich ähnlich gehandelt wie Merkel, es aber besser erklärt. Er sagt, er halte Merkels Entscheidung zur Ehe für alle „in der Sache für richtig“, hätte es nur intensiver diskutiert. Er sagt, für den Mindestlohn sei er schon lange, aber man dürfe in einer Großen Koalition nicht alle sozialdemokratischen Positionen übernehmen. Und er sagt zum Thema europäische Arbeitslosenversicherung, für die sich SPD-Minister Olaf Scholz bei der CDU einen Satz heiße Ohren holte, das Drama der Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa müsse beendet werden, sonst sei das Projekt Europa in Gefahr. „Das wollen wir alle nicht erleben.“

Doch solche Aussagen von Merz gehen beinahe unter. Anders seine erwartbaren Gassenhauer: „Für mich gehört zur Inneren Sicherheit: Null Toleranz. Zero. Null“, schmettert er im Berliner Problembezirk Neukölln in den Hotelsaal. Die Leute toben. Was genau das heißt, bleibt unklar. Seine Konkurrentin Kramp-Karrenbauer, die frühere Landesinnenministerin, buchstabiert derweil aus, wie sie mit verdeckten Ermittlungsmethoden oder Durchgriffsmöglichkeiten auf der Straße für Recht und Ordnung sorgen will.

Vor allem kann Merz natürlich, anders als seine Konkurrenten, schonungslos über die vergangenen CDU-Jahre herfallen. Während Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn auf die eine oder andere Weise Teil der Merkel-Zeit sind, ist er, der Mann im besten Vorruhestandsalter, der Unverbrauchte.

Manchmal etwas ungelenk

Der Unverbrauchte wirkte an manchen Stellen jedoch auch etwas ungelenk. Als Merz in Seebach überraschend das Grundrecht auf Asyl zur Debatte stellte, erklärten das zumindest die weniger von ihm begeisterten Christdemokraten unumwunden mit Erfahrungslücken im Zeitalter des Echtzeit-Politikbetriebs. Twittern übrigens lässt er sein Team. Und wenn er von der „großen Sympathie“ für das moderne Rollenverständnis in den Familien seiner Kinder spricht, dann klingt das eben nach großväterlicher Beobachtung statt gelebter Wirklichkeit – obgleich seine Frau Direktorin des Amtsgerichts Arnsberg ist. Bei den Karrenbauers dagegen verdiente Annegret das Geld, während Helmut daheim den Laden schmiss. Und Spahn ist mit einem Mann verheiratet.

Wenn die Delegierten Ende der Woche in Hamburg zusammenkommen, wählen sie also eigentlich keine Programme, keine Personen – sie wählen eine Art Wunschbild ihrer Partei. Friedrich Merz hat es wie kein anderer der Kandidaten geschafft, die verschütteten Gefühle der CDU zu wecken. Ob das für den Parteivorsitz reicht, ist eine andere Frage. Merz jedenfalls ist bereit.

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Zur Person

Der Sauerländer, Jurist und  Klarinettenspieler Friedrich Merz kann auf eine lange Parteigeschichte zurückblicken. Mit 17 tritt er der CDU bei, mit 34 wird er in das Europäische Parlament gewählt, mit 39 in den Bundestag, wo er von 2000 bis 2002 der Unionsfraktion vorsteht. Zur Bundestagswahl 2009 tritt Merz wegen parteiinterner Differenzen nicht erneut an. Seither arbeitet er in verschiedenen Anwaltskanzleien und sitzt in diversen Aufsichtsräten. Seit März 2016 ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Vermögensverwalters Blackrock. Merz wurde 1955 im sauerländischen Brilon geboren. Er ist seit 1981 mit der Juristin Charlotte Merz verheiratet. Das Paar hat drei erwachsene
Kinder.

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