Wenn Michael S. den Gemüseeintopf aufwärmen will, den er sich vor zwei Tagen gekocht hat, muss er nach nebenan in die kleine Küche der Freiburger Notunterkunft, in der er lebt. Die Polizisten haben ihn dabei gut im Blick. "Früher saßen sie in der Küche und haben mir beim Kochen in den Topf geguckt", sagt Michael S. Jetzt sitzen sie mit offener Tür im Raum gegenüber, fünf Meter entfernt. Rund um die Uhr. "Wenn ich Gespräche führe, machen sie Aktennotizen. Ich habe keinerlei Intimsphäre", sagt Michael S.

Seit über zwei Jahren geht das nun schon so. Im September 2010 wurde der 53-Jährige aus der Sicherungsverwahrung der JVA Freiburg entlassen. Längst hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass ihm eine Entschädigung zusteht, weil er nach Verbüßung seiner Strafe noch über elf Jahre lang rechtswidrig eingesperrt blieb. Juristisch gesehen ist S. also ein freier Mann. Er selbst kann da nur lachen. "Das ist mobile Sicherungsverwahrung, was die mit mir machen." Jobsuche, Wohnungssuche, soziale Kontakte - wer stets drei Bewaffnete im Schlepptau hat, tut sich da schwer. Sie folgen ihm in den Supermarkt, warten auf ihn im Wartezimmer seiner Ärzte.

Eine gute Kondition brauchen die Beamten aber schon: Letztes Jahr hat sich S. ein Fahrrad gekauft, seitdem geht er regelmäßig auf Tour. "Was soll ich sonst machen? Ich muss einfach raus hier und flüchten", sagt er. 7700 Kilometer zeigt sein Fahrradtacho jetzt schon an - jeden Meter sind Polizisten ihm auf ihren Rädern gefolgt. Ein Polizeibus holpert zur Sicherheit noch hinterher. Selbst über Waldwege.

Michael S., der 1985 wegen Vergewaltigung zweier Anhalterinnen verurteilt wurde, ist einer der letzten Ex-Sicherungsverwahrten, die in Baden-Württemberg noch Tag und Nacht bewacht werden. Bei den meisten wurde das längst eingestellt. Doch drei Ex-Häftlinge gelten noch immer als gefährlich, darunter Michael S. Der 53-Jährige wehrte sich juristisch, zog bis vors Bundesverfassungsgericht. Gestern gab ihm Karlsruhe Recht.

Die Verfassungsrichter äußerten sich damit erstmals zu den umstrittenen Überwachungen - und machten deutlich, dass sie diese durchaus kritisch sehen. Zwar könnten sie zur akuten Gefahrenabwehr gerechtfertigt sein - aber wenn sie zum Dauerzustand würden, bewege sich der Staat auf dünnem Eis. Es sei "zweifelhaft", dass die geltende Rechtslage "die Durchführung solcher Observationen auf Dauer tragen" könne. Ohne nähere gesetzliche Regelung sei die Gefahr, vor Gericht zu scheitern, groß.

Damit liefert das Gericht Kritikern der Überwachungspraxis Munition. Anwälte wie der Stuttgarter Verteidiger Ekkehard Kiesswetter hatten moniert, dass das Polizeirecht hier missbraucht werde. "Es ist ein klares Signal", sagt auch der Tübinger Strafrechtsprofessor Jörg Kinzig. "Eine Überwachung ist auf dieser Rechtsgrundlage nur in einer Übergangszeit rechtens - aber nicht über Jahre." Einen derart schweren, dauerhaften Eingriff in Grundrechte dürfe man nicht mit dem Polizeirecht begründen, das für "unvorhergesehene Gefahrensituationen" gedacht sei. Kinzig sieht den Gesetzgeber gefordert. Im Landesinnenministerium will man die Entscheidung genau analysieren.

Der Hauptgrund, warum das Gericht der Beschwerde von Michael S. stattgegeben hat, ist formal ein anderer: Das jüngste Gutachten, das dem Ex-Häftling Gefährlichkeit attestiert, stammt vom März 2010 - damals saß der 53-Jährige noch hinter Gittern. Einen Eingriff wie die polizeiliche Überwachung könne man aber nicht "auf veraltete Vermutungen" stützen, sagen die Verfassungsrichter. Es müsse schon "hinreichend aktuelle Tatsachengrundlagen zur Einschätzung seiner Gefährlichkeit" geben. Der Fall wurde daher an das Verwaltungsgericht Freiburg zurückverwiesen.

Doch ist Michael S. wirklich noch gefährlich? Ein neues Gutachten will er jedenfalls nicht machen lassen. "Ich bin doch nicht bescheuert." Er kann sich auch gut erklären, warum er immer wieder schlechte Begutachtungen bekommt: Er sei einfach zu aufmüpfig. "Ich habe jahrelang immer wieder mit Therapeuten über meine Taten von damals geredet. Das ist 27 Jahre her, das will ich jetzt nicht mehr." Das werde ihm wohl negativ angelastet - und auch, dass er mit der Polizei nicht gut genug kooperiere. "Ich bin ein freier Mann, ich muss nicht für alles um Erlaubnis fragen." Einen Therapeuten hat er sich nun privat gesucht. "Aber einen, der den Behörden nicht Bericht erstatten muss."

Vor dem Verwaltungsgericht geht der Streit nun weiter. Trotz der juristischen Erfolge wird sich an Michael S. Situation wohl so schnell nichts ändern. Seine Pläne für Heiligabend sind denn auch schnell umrissen: "Ich sitze allein in meinem Zimmer. Und die Polizisten sitzen nebenan." So wie letztes Jahr.