Gleis 7 leert sich, der Zug fährt ab. Drei junge Männer bleiben allein zurück. Warum sie wohl nicht eingestiegen sind? Alessio, ein Helfer des sozialen Notdienstes "Volontarius", deutet mit dem Kinn auf die Uniformierten, die sich gerade entfernen. In der Viertelstunde, die der Schnellzug Richtung München auf der Passhöhe gehalten hat, hat sich vor jeder zweiten Tür ein italienischer Polizist aufgestellt. Wenn die drei einfach losgesprintet wären, hätten diese zwar kaum eingreifen können. Aber man weiß nie.

Wenigstens der Junge aus Somalia, der ein paar Wörter Englisch spricht und schon 20 Jahre alt sein will, hätte kurz vor der Abfahrt sicher noch durch eine Tür in den Zug schlüpfen können. Aber wozu Ärger riskieren? Zeit spielt auf dem Brenner mit seinen bröckelnden Amtsbauten keine Rolle. Mal wird kontrolliert, mal nicht. Morgen ist auch noch ein Tag. Etliche Regionalzüge fahren von hier nach Innsbruck oder Kufstein, und in die verirrt sich kein Polizist. Alessio könnte dem Jungen vielleicht einen Tipp geben. "Aber das darf ich nicht", sagt er. "Das wäre Fluchthilfe."

Freund und Feind, wohlmeinende Helfer auf der einen, scharfe Polizisten auf der anderen Seite, gibt es hier nicht. Helfer, Flüchtlinge, Polizeibeamte umschleichen einander. Behutsam, ratlos, hilflos sind sie alle.

Ruhig und ein bisschen melancholisch geht es heute zu am Brenner, in dem Grenzdorf zwischen Italien und Österreich, das zum größten Teil aus Bahngelände besteht. Zwischen 150 und 200 Flüchtlinge kommen täglich hier auf dem Pass und am Bahnhof von Bozen an. Freiwillige schenken ihnen auf dem Bahnsteig Tee aus, geben ihnen etwas zu essen und versorgen sie mit Jacken. "Wenn wieder ein Boot aufgegriffen wurde, ist das ein paar Tage später hier zu spüren", sagt Sonja Cimadom, die die Hilfe koordiniert. Die Bahnsteige sind dann voller, die Kontrollen werden dichter. Seit Jahresbeginn sind nach Zahlen der italienischen Regierung schon 24.000 Menschen über das Mittelmeer gekommen.

"Austria, Germany", sagt der Junge aus Somalia auf die Frage, wohin er will. Pass hat er keinen, kein Gepäck, Handy auch nicht. "Nicht einmal Geld", sagt Alessio, der den schmalen Afrikaner aufgabelte, nachdem die Grenzpolizei ihn aus einem Frühzug nach München geholt hatte. "Aber er wird ankommen", sagt Alessio. Irgendwann.

Seit Mitte November steigen täglich italienische, deutsche und österreichische Grenzpolizisten in Trient gemeinsam in Fernzüge Richtung Brenner und weisen Reisende ohne Papiere aus dem Zug. Im Prinzip gibt es viel zu tun: Kein Tag vergeht, ohne dass danach Dutzende Menschen aus Syrien oder Afrika ratlos auf den Bahnsteigen stehen. "Viele wissen nicht, in welchem Land sie sind", sagt Kathrin, eine Helferin am Bahnhof Bozen, "schon gar nicht, dass hinter dem Brenner erst einmal Österreich kommt und noch nicht Deutschland."

Der somalische Junge wird es beim ersten Mal kaum schaffen, meint Alessio, der Helfer mit der Thermoskanne. Wenn er allein in einem Zug nach Deutschland sitzt oder auf dem Bahnhof in Innsbruck herumsteht, werden die Österreicher ihn nach Italien zurückschicken, formlos. Das erlaubt ihnen ein bilaterales Abkommen. "Und dann geht das Spiel von vorne los."

Der Junge könnte als 16-Jähriger durchgehen. 20 zu sein hat hier aber seinen Sinn. "Wird ein Minderjähriger aufgegriffen, schicken wir ihn nicht nach Italien zurück", sagt Peter Gantioler von der Grenzpolizei in Innsbruck. Einmal, sagt er, "hatten wir vier 12-, 13-jährige Eritreer. Die mussten wir regelrecht zwingen, in Österreich Asyl zu beantragen." Dass das widersinnig war, weil die Jungen ja wahrscheinlich in Deutschland erwartet wurden, ist dem Polizisten klar. "Aber wir konnten die Kinder ja nicht einfach so weiterreisen lassen."

An der Treppe zum Bahnsteig in Bozen lehnen fünf junge Männer. Dieudonné heißt er, sagt der älteste von ihnen, ein kräftiger Kerl mit einem brüllenden Löwen auf dem T-Shirt. Aus Sizilien kommen sie, davor aus Libyen, davor aus Guinea, sagt Dieudonné. Gefragt, wie lange es von Sizilien hierher gedauert hat, wird er einsilbig. "J'ai oublié", hab' ich vergessen. Die Gruppe will nach Deutschland. Was sie sagen dürfen und was nicht, wissen die fünf Guineer genau. Über den Fluchtweg ist zu schweigen. Fotos gehen gar nicht, denn sie könnten deutschen Behörden später beweisen, dass sie über Italien eingereist sind. Auf keinen Fall sagen dürfen sie "Asyl". Dann nämlich kommen sie ins italienische oder österreichische Asylverfahren - und hängen hier fest.

Zum Buhmann taugt keiner. Die Helfer auf dem Bahnhof, die meisten von einer Facebook-Gruppe mobilisiert, beschweren sich ein wenig über die Südtiroler Landesregierung, die für die Gestrandeten keine Infrastruktur bereitstellt. Eine Regierungssprecherin entgegnet: "Die Leute wollen ja eh nicht in Bozen oder auf dem Brenner bleiben." Die Helferin Kathrin sagt: "Man weiß auch nicht genau, wo die Flüchtlingshilfe aufhört und die Fluchthilfe anfängt."Darf ich noch verraten, wann der nächste Zug zum Brenner fährt? Oder wie eine Polizeiuniform aussieht?"

Aber die Carabinieri auf dem Bahnhof machen nicht den Eindruck, als wollten sie Nothelfer der Schlepperei überführen. Auch ihre österreichischen Kollegen auf der anderen Seite, die hauptsächlich Schlepper jagen, wollen nicht die bösen Bullen sein. Gleich am Brenner haben sie ein "Betreuungs- und Anhaltezentrum" eingerichtet, vor allem für Flüchtlinge, die in Vans oder Kastenwagen aufgegriffen wurden. Mit Spielsachen und Windeln. Die Flüchtlinge bleiben hier höchstens eine Nacht, bevor sie nach Italien zurückgeschickt werden.

Erste Datenbank zu Ertrunkenen

Opfer Seit der strengeren Überwachung der EU-Außengrenzen in Südeuropa sind nach einer Studie der Freien Universität Amsterdam deutlich mehr Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Von 1990 bis 2013 wurden demnach in den Küstenorten insgesamt 3188 Tote registriert. Die meisten Opfer werden jedoch nie gefunden. Zum Vergleich: Allein bei der jüngsten Schiffskatastrophe im April starben rund 800 Menschen, 24 wurden geborgen. Die Forscher haben die Daten der Sterberegister von 563 Orten in Italien, Griechenland, Spanien, Malta und Gibraltar ausgewertet. Seit dem Jahr 2000 wurden im Schnitt jährlich doppelt so viele Tote gefunden wie in den 90er Jahren. "Das kann ein Nebeneffekt der europäischen Politik sein", erklärte Projektleiter Thomas Spijkerboer.