Es geht um das Thema Kirchenasyl, eine Intervention von Kirchengemeinden zum Schutz von Flüchtlingen, die es seit 1983 in Deutschland gibt. Der Ursprung des Gedankens, dass Menschen in größter Not Hilfe in Kirchen finden, reicht derweil viel weiter zurück. Christen wissen das.

Was also treibt de Maizière, gerade dieses Fass aufzumachen? Selbst vor einem Vergleich mit fundamentalistischen Muslimen, die die Scharia über das Strafgesetzbuch stellen wollen, schreckt er nicht zurück. Am Ausmaß dieser kirchlichen Nothilfe kann es nicht liegen. Im Vergleich zu den 200.000 Flüchtlingen, die 2014 nach Deutschland gekommen sind, wirkt die Zahl der Kirchenasyle mickrig. 200 Fälle gibt es aktuell, betroffen sind davon rund 360 Menschen. Sie harren in Kirchenräumen aus, bis ihr Anliegen geprüft, beziehungsweise die Frist zur Abschiebung in das vermeintlich sichere Erstaufnahmeland überschritten ist.

Das klingt nach billiger Trickserei, mit der dem Rechtsstaat ein Schnippchen geschlagen wird. Ist es aber nicht. Kirchenasyle sind eine ernste und eine anstrengende Sache. Wer als Kirchengemeinde über Monate und länger in dafür selten eingerichteten Räumen Fremde beherbergt, muss bereit sein, einen Preis zu zahlen: mit Unannehmlichkeiten, weil Räume für Jugendgruppen und Vereine anderweitig genutzt werden, und mit persönlichem Einsatz. Es ist nicht damit getan, zum Schutz von Flüchtlingen nur die Kirchentüren zu öffnen. Familien, Kinder und Erwachsene müssen über einen langen Zeitraum versorgt und betreut werden. Humanitäre Maulhelden stoßen da schnell an Grenzen. Auch ist die Aufgabe nicht zu schultern, wenn nur ein kleines Gemeindegrüppchen hinter der Sache steht. Konflikte müssen ausbalanciert werden in der Gemeinde, aber auch zwischen Asylsuchenden und Gemeindemitgliedern, manchmal auch unter jenen, die unter dramatischen Umständen geflohen sind und dann auf unabsehbare Zeit in Kirchenräumen eingesperrt leben.

Doch die Anstrengung lohnt sich. 90 Prozent der Menschen im Kirchenasyl haben bisher einen sicheren Aufenthaltsstatus erhalten. Und viele Kirchengemeinden wurden durch das gemeinsame Engagement zusammengeschweißt. Sie haben hautnah erfahren, was Christsein bedeutet in der heutigen Zeit - und nebenbei die Politik daran erinnert, dass es in der Flüchtlingspolitik nicht nur um Fälle oder Quoten geht, sondern um Menschen, deren Leben zu schützen ist.

Dem will der Verfassungsminister einen Riegel vorschieben und greift zu einem Definitionstrick. Menschen im Kirchenasyl werden als "flüchtig" eingestuft, selbst wenn ihr Aufenthaltsort bekannt ist. So verlängert sich der Abschiebungsspielraum von sechs auf 18 Monate - und erhöht sich der Druck auf die Gemeinden.

Warum diese Winkelzüge für ein Phänomen, das so wenige Menschen betrifft? Geht es um Prinzipienreiterei oder um die Profilierung des Ministers, um Menschen am rechten Pegida-Rand zu imponieren? Letzteres mag man de Maizière nicht unterstellen. Doch statt die Engagierten in den Kirchen zu verunglimpfen, sollte der Christdemokrat froh sein, dass es uneigennützigen Einsatz gibt. Den braucht jede Gesellschaft. Am Beginn der Bußzeit wäre zu wünschen: Asche aufs Haupt und umkehren.

Humanitäre Maulhelden stoßen an Grenzen.

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