Berlin / DIETER KELLER Künstler sind häufig arm - und doch besonders glücklich, insbesondere wenn sie viel arbeiten. Das ist jetzt wissenschaftlich bewiesen.

Er wohnt schäbig und hat sich bis zur Halskrause eingepackt, um der Kälte zu trotzen. Trotzdem macht "Der arme Poet" auf dem Gemälde von Carl Spitzweg von 1839 einen zufriedenen Eindruck. Dabei muss er offenbar seine eigenen Manuskripte verheizen. Ähnliches gilt auch noch für seine Nachfahren in unseren Tagen: Künstler verdienen zwar im Schnitt deutlich weniger als andere Berufstätige. Aber sie sind zufriedener. Das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hat nicht etwa Lebenskünstler unter die Lupe genommen, sondern Schauspieler, Sänger, Schriftsteller und Maler - und zwar solche, die hauptberuflich von ihrer Kunst leben. Das Ergebnis: Sie sind wesentlich glücklicher mit ihrer Arbeit als Menschen, die in "normalen" Berufen arbeiten. "Künstler ziehen aus der Tätigkeit selbst einen viel größeren Nutzen als aus dem Geld, das sie damit verdienen", erklärt dies Lasse Steiner, einer der Autoren der DIW-Studie. "Das liegt vor allem daran, dass sie ihre Arbeit als besonders selbstbestimmt und vielseitig empfinden."

Steiner hat diese Erkenntnisse aus dem Sozio-ökonomischen Panel, einer Langzeituntersuchung des DIW, für die seit 1990 deutschlandweit insgesamt 28 000 Berufstätige befragt wurden. Darunter fanden sich mehr als 300 hauptberufliche Künstler, also gut ein Prozent. Damit sind die Ergebnisse repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, sagt der Wissenschaftler.

Viele Musiker oder Bildhauer sind offenbar Lebenskünstler. Denn ein gutes Einkommen ist ihnen nur halb so wichtig wie anderen Berufsgruppen. Ihre Tätigkeit empfinden sie zudem gar nicht als Arbeit: Im Gegensatz zu anderen Berufstätigen sind sei umso glücklicher, je mehr Stunden sie wöchentlich arbeiten. Die Tätigkeit selbst macht die Künstler glücklich, interpretiert das Steiner. Das liegt auch daran, dass sie besonders häufig selbstbestimmt arbeiten: Mehr als jeder dritte Künstler ist sein eigener Chef. Unter den Nicht-Künstlern ist es nur jeder zehnte. Zudem empfinden sie ihre Tätigkeit als vielseitiger, und sie lernen dabei mehr als andere Berufstätige.