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Anton Schlecker
Stuttgart / Simone Dürmuth  Uhr

Auf einmal hat das Phantom ein Gesicht: 17 Jahre lang hat Andrea Straub in Stetten am kalten Markt auf der Schwäbischen Alb für Anton Schlecker gearbeitet. Nie hat sie ihn persönlich getroffen – so wie die meisten seiner Angestellten. Jetzt steht er da: erstaunlich klein, das Gesicht faltig, die Haare schlohweiß, die Haut aschfahl. Der 72-Jährige trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, ein dunkles Sakko mit Nadelstreifen.

Auch wenn er an diesem trüben Montagmorgen vor Gericht erscheinen muss: Schlecker vermeidet den großen Auftritt. Er und Ehefrau Christa, seine Kinder Meike und Lars, die mit ihm angeklagt sind, kommen mit dem Taxi, betreten das Gericht durch einen Hintereingang.

Empfangen werden die Schleckers von zahlreichen Filmteams und Fotografen. Das Medieninteresse ist groß, es geht bei diesem Prozess um eine der aufsehenerregendsten Firmenpleiten der vergangenen Jahre: Anfang 2012 musste die Drogeriemarktkette Schlecker Insolvenz anmelden, mehr als 25.000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Auch da hüllte sich der gelernte Metzger in Schweigen. Tochter Meike sagte damals über das Firmenvermögen: „Es ist nichts mehr da.“ Das Gericht soll jetzt klären, ob das so stimmt.

Einige seiner ehemaligen Angestellten sitzen nur wenige Meter von Anton Schlecker entfernt. Im Untergeschoss des Stuttgarter Landgerichts, im Sitzungssaal 18, getrennt durch ein schwarz-gelbes Absperrband. Der Saal ist klein und niedrig, die Luft stickig. „Wie in einer Schleckerfiliale“, witzelt jemand. Doch obwohl die Verhandlung nicht im größten Saal stattfinden kann, bleiben einige der Plätze leer. Viele der „Schleckerfrauen“ haben inzwischen mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber abgeschlossen.

Nicht so Christel Hoffmann. Die stämmige Frau mit der auffälligen Föhnfrisur wurde 2012 zur Galionsfigur der „Schleckerfrauen“. Als Betriebsratsvorsitzende stellte sie sich wie eine Löwin vor die vielen Frauen, die oft nur wenige Stunden in der Woche in den Läden standen, aber darin eine Lebensaufgabe gefunden hatten.

„Ich dachte, ich hätte Abstand gewonnen“, erzählt Christel Hoffmann am Ende des ersten Prozesstages. Doch da hat sie sich verschätzt: Als Anton Schlecker, flankiert von seinen Anwälten, den Saal betritt, schießen ihr die Tränen in die Augen. „Es hat sich wieder so angefühlt, wie der Tag der Insolvenz“, so Hoffmann.

Noch immer nimmt sie es Schlecker übel, dass er den Angestellten, oder zumindest dem Betriebsrat, nicht von der drohenden Insolvenz berichtet hat. Die meisten erfuhren davon aus den Medien. „Und auch jetzt versteckt er sich hinter seinem Anwalt“, moniert Andrea Straub. Weder Anton Schlecker, noch die anderen Angeklagten, sprachen beim beim Prozessauftakt selbst.

Die Staatsanwaltschaft wirft Anton Schlecker vorsätzlichen Bankrott vor. In insgesamt 36 Fällen soll er Vermögenswerte in Millionenhöhe zur Seite geschafft zu haben, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehörten. In ihrer Anklageschrift kommt die Staatsanwaltschaft auf eine Summe von mehr als 20 Millionen Euro. Außerdem soll Schlecker falsche Angaben in den Bilanzen des Drogerie-Imperiums gemacht haben. Anton Schlecker hört aufmerksam zu, lässt den Blick durch den Gerichtssaal schweifen. Er sitzt aufrecht, die Hände gefaltet. Ab und zu dreht er an seinem goldenen Ehering oder setzt die Brille auf und wieder ab.

Die Firma war sein Lebenswerk

Verteidiger Norbert Scharf weist die Vorwürfe zurück: „Das Geld blieb in der Firma.“ Die Insolvenz sei für den Drogeriemarkt-Gründer unvorstellbar gewesen: „Diese Firma war sein Lebenswerk.“ Wegen möglicher Beihilfe zum Bankrott sitzen Schleckers Frau Christa und die beiden Kinder Meike und Lars mit auf der Anklagebank. Sohn und Tochter werden zudem Insolvenzverschleppung und Untreue vorgeworfen. Sie sollen ihr Logistikunternehmen LDG als faktische Geschäftsführer um mehrere Millionen Euro geschädigt haben. Auch zwei Wirtschaftsprüfer stehen vor Gericht.

Christel Hoffmann wird den Prozess weiter verfolgen, auch Andrea Straub und die anderen „Schleckerfrauen“ wollen wieder nach Stuttgart kommen und hoffen, die Aussagen der Familienmitglieder zu erleben. „Ich wünsche mir vor allem eine Entschuldigung“, sagt Christel Hoffmann noch, bevor sie sich zum nächsten Interview umdreht. Eine Entschuldigung dafür, wie mit ihnen während der Insolvenz umgesprungen wurde. Schleckers Anwalt hat angekündigt, dass sich sein Mandant im Laufe des Verfahrens äußern werde. Dann bekommt das Phantom auch eine Stimme.

Hintergründe zum Schlecker-Imperium