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Angela Merkel
Brüssel / KNUT PRIES  Uhr
In Europas Tierställen werden zu viele Antibiotika verabreicht. Folge: Gegen resistente Bakterien helfen immer weniger Medikamente. Ob die Antibiotika-Gabe in der Humanmedizin begrenzt wird, ist offen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Thema auf die Tagesordnung des G-7-Gipfels Anfang Juni auf Schloss Elmau gesetzt. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jedes Jahr in der EU zigtausende Menschen an bakteriellen Infektionen, weil die üblichen Medikamente nicht mehr greifen. Tendenz stark steigend. Zum Teil stammen die unempfindlichen Keime aus Tierställen. So erhalten laut nordrhein-westfälischem Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz neun von zehn Puten Antibiotika. Schweine bekommen im Schnitt 3,4 Mal in ihrem Leben solche Medikamente. Das macht die Keime rasch resistent. Gegen die unkontrollierte Arzneigabe will die EU jetzt strenger vorgehen.

Alarmierend ist für vor allem die rasche Ausbreitung der Resistenzen. In manchen Regionen hat sich die Zahl der Betroffenen binnen weniger Jahre verdoppelt. Die WHO warnt vor einer Ära der flächendeckenden Unwirksamkeit der Arzneimittel. Peter Liese, CDU-Gesundheitspolitiker im EU-Parlament, hält das nicht für übertrieben. "Ich glaube, dass die reale Gefahr besteht, dass es irgendwann keine Antibiotika mehr gibt, die wirken."

Noch mangelt es an verlässlichen Daten, wie viele antibiotika-resistente Keime aus der Viehhaltung stammen. Doch Liese schätzt, dass ein Fünftel der Todesfälle auf Übertragung von Tieren auf Menschen zurückgeht. Dafür sprechen zahlreiche Indizien: Eine Studie des Netzwerks "Multiresistente Erreger" (MRE) aus Südbrandenburg wies 2012 nach, dass 86 Prozent aller Landwirte und Tierärzte Träger des multiresistenten Staphylococcus aureus (MRSA) sind. Es handelt sich um den Bakterienstamm LA aus Tierbeständen. Diese Keimvariante stammt vor allem aus Schweineställen, findet sich aber auch häufig auf geschlachtetem Geflügel. Die Keime gelangen etwa durch die Abluft in die Umwelt.

Deutschland gehört freilich beim sorglosen Umgang mit Antibiotika in Europa keineswegs zu den ganz großen Sündern. In Spanien etwa gilt die Verabreichung in der Landwirtschaft als völlig unproblematisch. Auch ist dort im Gegensatz zu Deutschland die Verfütterung von Arzneifuttermitteln üblich. Eine strengere europäische Reglementierung, die von EU-Ministerrat und Parlament beraten wird, soll künftig für einheitliche Standards sorgen, vor allem für eine genauere Kontrolle, was unter welchen Bedingungen verabreicht wird. 2012 gaben deutsche Landwirte ihren Tieren 1600 Tonnen Antibiotika, Menschen verbrauchten 700 Tonnen.

Auf Deutschland könnten zwei Änderungen zukommen: Eine Verlängerung des Patentschutzes für neuentwickelte Antibiotika und der Ausschluss der "Reserveantibiotika" von der Tiermast. Liese verlangt auch Initiativen für die Humanmedizin: Der Bauernverband habe recht, wenn er darauf verweise, dass es nicht plausibel sei, wenn der Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft strikt beaufsichtigt werde, in Arztpraxen aber nicht.