Hamm Anonymität entfällt

Hamm / EPD/DPA 07.02.2013
Anonyme Samenspenden wird es in Deutschland vermutlich nicht mehr geben. Richter in Hamm stellten sich hinter eine junge Frau, die Auskunft über ihren genetischen Vater verlangte. Das hat Folgen.

Die Tochter eines anonymen Samenspenders hat am Oberlandesgericht (OLG) Hamm erstritten, dass ihr der Name ihres biologischen Vaters genannt wird. Ein durch einen Spendersamen gezeugtes Kind könne vom behandelnden Arzt Auskunft über seine genetische Abstammung verlangen. Die Richter änderten damit ein vorangegangenes Urteil des Landgerichts Essen. (AZ: I-14 U 7/12)

Die Klägerin ist durch eine Samenspende im Essener Zentrum für Reproduktionsmedizin gezeugt worden und heute Mitte 20. Da die Klinik den Namen ihres biologischen Vaters nicht preisgeben wollte, weil sie den Samenspendern Anonymität zugesichert hatte, ging die junge Frau vor Gericht. Nach dem Urteil muss Klinik-Chef Thomas Katzorke ihr nun die Identität des Mannes preisgeben.

Das Interesse der Klägerin, ihre Abstammung zu erfahren, sei höher zu bewerten als die Interessen des Beklagten und der Samenspender an einer Geheimhaltung der Spenderdaten, begründete das OLG.

Zum Recht auf freie Entfaltung und zur Menschenwürde der Klägerin gehöre ein autonomer Bereich privater Lebensgestaltung, in dem sie ihre Persönlichkeit entwickeln und wahren könne, betonten die Richter. Dazu zähle auch, dass sie ihre Abstammung kennt. Der Essener Klinik-Chef und die Spender seien dagegen weniger schutzbedürftig, "weil sie die Folgen einer anonymen Samenspende im Vorhinein hätten berücksichtigen und sich auf die mit einem möglichen späteren Auskunftsverlangen des gezeugten Kindes hätten einstellen können". Das OLG hat keine Revision zugelassen dagegen kann aber Beschwerde eingelegt werden.

Ob die junge Frau in diesem Fall den Namen ihres biologischen Vaters tatsächlich erfahren wird, ist jedoch unklar. Der Klinik-Chef Katzorke teilte mit, dass die Daten nicht mehr vorhanden seien. Bis 2007 habe die gesetzliche Dokumentationspflicht zehn Jahre betragen, Ärzte hätten die Möglichkeit gehabt, nach dem Zeitraum die Daten zu vernichten.

Der Verteidiger der Klägerin sprach von einem Grundsatzurteil für alle Spenderkinder und forderte den Gesetzgeber auf zu handeln.

Das Bundesjustizministerium zeigte sich gestern bedeckt. Erst wenn eine Entscheidung oberster Gerichte vorliege, sei zu prüfen, ob es gesetzgeberischen Handlungsbedarf gebe, sagte eine Ministeriumssprecherin. Die Vermutung, dass Männer nach dem Urteil nicht mehr zur Samenspende bereit sein dürften, nannte sie "Spekulation". In Deutschland sind Schätzungen zufolge seit den 1970er Jahren mehr als 100 000 Kinder durch sogenannte Insemination eines Spendersamens gezeugt worden.