Silvester Angst vor den Männerhorden

Köln / dpa 28.12.2016

Miriam L. schaut nicht gerne vom Dom-Dach hinunter auf den Tatort rund 70 Meter unter ihr. Sie zögert, wirkt nachdenklich. Immer wenn es dunkel wird, macht sich dieses mulmige Gefühl breit, sagt sie. „Ich bin früher nie ängstlich gewesen. Aber wenn man eine solche Gewalt erlebt hat und so eine Hilflosigkeit und Ohnmacht – das verändert einen.“ Jetzt sieht alles unauffällig aus. Doch Silvester demütigten, beraubten und begrapschten Männer hier hunderte Mädchen und Frauen, es kam auch zu Vergewaltigungen. „Es fällt mir noch immer schwer, das zu begreifen, diese Tumulte, diese massenhaften entwürdigenden Vorfälle. Und genauso lässt mich die Frage nicht los, warum die Polizei nicht geholfen hat. Ein schlimmes Versagen.“

Die 19-Jährige und ihre Freundin sind nicht direkt am Dom angegriffen worden. Miriam zeigt von hier oben auf den Punkt, wo es geschah. In Köln-Kalk. „Zwei Männer haben uns von hinten gepackt, am ganzen Körper angefasst. Sie haben uns zu Boden geworfen. Einer hat mich an den Haaren gezogen und auf den Kopf geschlagen.“ Ihre Freundin blutete aus der Nase, am Knie. Die Männer stemmten sich auf sie. Sie sprachen Arabisch. Miriam schrie. Irgendwann ließen die Täter von ihnen ab. Die Details hat Miriam noch immer im Kopf. Die Angst, vergewaltigt zu werden, mitten in der Stadt.

Miriam ist aufgewühlt. Und die Nation mit ihr. Straftaten in perfider Vorgehensweise, begangen von überwiegend jungen nordafrikanischen und arabischstämmigen Männern, die ihre Opfer einkesselten. Unter den Tätern waren viele Flüchtlinge. Die Polizei war überfordert. Die Kommunikation unter den eingesetzten Kräften scheiterte fatal. Die Abiturientin fühlt sich von der Polizei im Stich gelassen. Im Dunkeln geht sie nicht mehr alleine raus. Ihre Eltern fahren sie. Immer. Egal, wie weit es ist oder wie spät. Sie hat Pfefferspray dabei.

Die Ereignisse der Nacht sind mittlerweile deutlich besser aufgearbeitet als zu der Zeit, als die gesellschaftliche Debatte darüber lief. Viele zogen ihre Schlüsse allerdings, bevor darüber Gewissheit herrschte. Die Flüchtlingspolitik, die beschworene Willkommenskultur stand schneller zur Debatte als Fakten vorlagen. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sprach von einer „Entfesselung des Bestätigungsdenkens“. Es richtete sich auch gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Skeptiker, die es ja schon gab, bekamen Oberwasser. „Es gab auch vor Silvester schon Berichte über das, was in der Flüchtlingspolitik falsch läuft – zum Beispiel über die Zustände am Berliner Lageso“, sagt der Mainzer Medienwissenschaftler Christian Schemer. „Die Silvesternacht als singuläres Ereignis war dann für manche ein Ventil, um zu sagen: ,Siehste, die Medien haben uns das alles verschwiegen.’“

Mittlerweile haben sich die Debatten weitestgehend von den Ereignissen aus der Nacht entkoppelt. „Köln“ scheint weit weg zu sein, auch wenn sich in Nordrhein-Westfalen nach wie vor ein Untersuchungsausschuss damit befasst und die Justiz nach und nach ihre Urteile fällt. Die Gräben in der Gesellschaft, die die Silvesternacht überdeutlich auftat, sind aber nicht verschwunden. Der Protest entlädt sich im Internet und auch bei Wahlen. Die AfD zieht in Sachsen-Anhalt mit mehr als 24 Prozent in den Landtag ein, in Mecklenburg-Vorpommern wird sie zweitstärkste Kraft.

„Wir haben mittlerweile eine gespaltene politische Kultur“, sagt der Bonner Politikwissenschaftler Tilman Mayer. Die Hälfte der Bevölkerung sei mit der Willkommenskultur nicht einverstanden.

Der Philosoph Wolfram Eilenberger beschreibt das Gefühl vieler Deutscher mit Enge. In den Nachbarländern erstarken immer mehr Populisten. „Man hat nun nicht nur Angst vor Flüchtlingen, sondern auch vor seiner Nachbarschaft“. Zugleich fühle man sich in der neuen Weltlage als Teil der EU umzingelt, „die so etwas wie das letzte nicht eingezäunte Paradies zu sein scheint.“

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