Berlin Angriff auf Rösler

Ziehen nicht an einem Strang: FDP-Chef Rösler (hinten) und sein Fraktionsvorsitzender Brüderle. Foto: dpa
Ziehen nicht an einem Strang: FDP-Chef Rösler (hinten) und sein Fraktionsvorsitzender Brüderle. Foto: dpa
Berlin / ANDRE BOCHOW 19.01.2013
Morgen sind Wahlen in Niedersachsen und die FDP bangt um den Einzug in den Landtag. Die Liberalen Brüderle und Lindner trieben gestern ihren Parteichef Rösler dennoch öffentlich in die Enge.

Rainer Brüderle ist manchmal schwer zu verstehen. Manche sagen, er nuschelt. In der "heute show" des ZDF wird er stets untertitelt. Diesmal aber ist akustisch alles in Ordnung. Im ARD-Morgenmagazin wird er nach den 42 Prozent gefragt, die nach einer Umfrage finden, dass Philipp Rösler unabhängig vom Wahlausgang in Niedersachsen den Parteivorsitz niederlegen solle. "Aber 25 Prozent sind dafür, dass er Parteivorsitzender bleibt", sagt Brüderle mit verschmitztem Gesicht. "Wenn die uns wählen, dann stehen wir gut da." Weil Brüderle selbst weiß, wie schal der Scherz ist, wird er dann ernst und erklärt, er halte einen vorgezogenen Parteitag für wünschenswert. "Anfang März, Ende Februar."

Dass man nicht, wie ursprünglich vorgesehen, bis Mai mit der Wahl einer neuen Führung warten würde, leuchtet spätestens seit dem Dreikönigstreffen der Liberalen am 6. Januar vielen ein. Was aber bringt den gewieften Taktiker Brüderle dazu, zwei Tage vor einer wichtigen Landtagswahl eine solche Attacke zu reiten? Er sagt zwar auch: "Ich stehe hinter Philipp Rösler." Aber jeder, der das hört, bekommt Angst um den liberalen Parteichef.

"Ich verstehe den Vorstoß von Rainer Brüderle nicht", meldet sich aus Kiel der Spitzenliberale Wolfgang Kubicki zu Wort. Man wolle doch am Montag über die künftige Arbeitsplanung sprechen. Dagegen lässt der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Christian Lindner wissen, man würde der Empfehlung Brüderles folgen. Aus der FDP-Parteizentrale in Berlin heißt es, ein vorgezogener Parteitag sei "bislang kein Thema".

Vielleicht, so spekulieren einige in Berlin, will Brüderle bei einem knappen Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde in Niedersachsen verhindern, dass Rösler das für einen Erfolg hält und Parteivorsitzender bleiben möchte. Vielleicht sorgt sich der 67-jährige Pfälzer darum, dass dann der Einzug in den Bundestag bei der Wahl im Herbst gefährdet wird.

Es könnte aber auch gut sein, dass Rainer Brüderle an die Zeit im Frühling 2011 denkt, in der er selbst als "Problembär" galt, den die "Boygroup" der FDP, bestehend aus Rösler, Lindner und dem jetzigen Gesundheitsminister Daniel Bahr fast in die Rente gezwungen hätte. Aber dann fehlte Philipp Rösler der Mut, den liberalen Altstar aufs Abstellgleis zu schicken. Brüderle wurde Fraktionsvorsitzender im Bundestag und Rösler übernahm nicht nur den Parteivorsitz von Guido Westerwelle, sondern auch das Wirtschaftsministerium von Rainer Brüderle.

Nun, zwanzig Monate später, ist Brüderle der Hoffnungsträger und Rösler hat möglicherweise nur noch die Möglichkeit des Rücktritts vom Parteivorsitz, um so den Ministerposten eventuell zu behalten.

Und Brüderle? Will er sich die Last des Parteiamtes aufbürden? Er hätte dann die Chance, zum Retter seiner Partei zu werden. Allerdings könnten ihm einige übel nehmen, dass er mit dem Rösler-Sturz zwei Tage zu früh begonnen hat.

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