München Angeklagter im NSU-Prozess: "Als nächstes wollten sie die Waffe"

Verbirgt sein Gesicht vor den Fotografen: Der Angeklagte Carsten Schultze sitzt im Gerichtssaal in München neben seinem Anwalt Jacob Hösl. Foto: afp
Verbirgt sein Gesicht vor den Fotografen: Der Angeklagte Carsten Schultze sitzt im Gerichtssaal in München neben seinem Anwalt Jacob Hösl. Foto: afp
München / MARTIN LEJEUNE 05.06.2013
Im NSU-Prozess hat der erste Angeklagte ausgesagt. Carsten Schultze ist in die Neonaziszene abgeglitten. Er erledigt Besorgungen und besorgt am Ende die Mordwaffe für die abgetauchten Haupttäter.

Am fünften Tag des Prozesses gegen fünf mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer des nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in München kam es nach einer stundenlangen Antragsschlacht am späten Nachmittag endlich zur lang erwarteten Aussage eines der Angeklagten, der dem NSU nach eigener Aussage die Tatwaffe besorgt habe.

"Wohlleben fragte mich, ob ich den drei Untergetauchten helfen könne", beginnt der im Zeugenschutzprogramm des BKA befindliche Angeklagte Carsten Schultze seine Aussage vor Gericht. Ralf Wohlleben ist ein führender Funktionär der NPD, der direkt neben dem Neonazi Schultze auf der Anklagebank in München sitzt. Mit "den drei" sind die drei mutmaßlichen NSU-Mitglieder gemeint, die neun Ausländer mit einer Pistole erschossen haben sollen: die beiden verstorbenen Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie die ebenfalls in München angeklagte Beate Zschäpe.

Schultze, der ein dunkelblaues Hemd trägt und mit stark nach vorn gesenktem Kopf spricht, antwortet auf entsprechende Nachfrage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl, er habe die Drei unterstützt, obwohl er bereits durch die Presse erfahren habe, dass sie untergetaucht seien.

Schultze sagt, die zwei Uwes hätten ihn gebeten, dem Trio ein Telefon zur Verfügung zu stellen, um über ihn als Mittelsmann Informationen an Wohlleben weiterzugeben. Er habe auch Geldüberweisungen getätigt. "Ich habe nichts selbst entschieden, sondern alles mit Wohlleben besprochen", bekennt Schultze. Die Mailbox des von Schultze eingerichteten Anschlusses hörte er dann alle zwei Wochen für Wohlleben ab, um so stets die Vermittlung von Nachrichten zwischen den Untergetauchten und ihren Helfern zu ermöglichen. Wohlleben, im eleganten schwarzen Hemd und bordeauxroten V-Kragenpullover, spitzt die Lippen, presst seine beiden Hände zu einer Faust zusammen. Zschäpe spielt nervös mit dem Ladekabel vom Handy ihres Rechtsanwalts.

"Ende 1998 baten mich die zwei Uwes, die Wohnung von Beate Zschäpe aufzubrechen. Sie wollten die Akten und die Ausweispapiere", fährt Schultze fort. "Das habe ich dann auch gemacht, das war aber nicht so einfach." Mit Wohlleben habe er dann die Ausweise nach dem Einbruch in die von Zschäpe verlassene und bereits überwachte Wohnung hinter einer Scheune vergraben, die Akten verbrannt und die Tasche im Fluss versenkt.

"Ich wusste aber nicht, warum das jetzt sein musste, das mit dem Einbruch", redet sich Schultze raus. "Bis heute ist mir diese Aktion nicht richtig schlüssig." Dann habe er von Wohlleben die Order erhalten, für das Trio ein Motorrad zu besorgen, belastet Schultze den rechts neben ihm sitzenden Wohlleben weiter. Wohlleben presst nun den rechten Zeigefinger auf seine Lippe. Wohlleben und er seien mit einem Bolzenschneider losgezogen und hätten dann ein Schloss geknackt und das Motorrad an anderer Stelle unter einer Plane versteckt. "Als nächstes kam der Wunsch nach der Waffe", sagte Schultze. Ein Raunen geht durch den Saal.

Auf diesen einen Satz warteten Nebenkläger und Zuschauer seit langem. "Können Sie sich denn noch konzentrieren?", fragt Götzl den Angeklagten, denn es wird zu diesem Zeitpunkt bereits seit acht Stunden verhandelt. Götzl ist drauf und dran, die Verhandlung zu vertagen, Zschäpes Anwälte verlangten schon lautstark nach einer Unterbrechung. Doch Schultze signalisiert mit einem deutlichen Nicken, dass er weiter aussagen will.

Er ist angespannt und will diesen Teil der Aussage, auf dem der ganze Prozess basiert, hinter sich bringen. Schultze erinnert sich ziemlich gut, dass vom Trio der Wunsch nach einer leichten Handfeuerwaffe deutschen Fabrikats mit Munition kam. "Ich sollte dann zum Wohlleben gehen und dem sagen, dass ich die Waffe besorgen muss. Wohlleben schickte mich daraufhin zum Szeneladen von Andreas Schultz, der mir die Waffe aushändigte. Schultz hat mir die Waffe sogar noch unter den Sitz meines Wagens geschoben", erinnert sich Schultze.

Wohlleben tippt konzentriert jedes Wort in seinem Laptop mit. Wenn Schultze eine Pause macht, hört auch Wohlleben kurz auf mitzuschreiben und hält sich die linke Hand vor den Mund. Schultze fährt fort: "Ich bin mit der Waffe im Zug nach Chemnitz gefahren. Die beiden Uwes haben mich vom Bahnhof abgeholt. Die beiden sind mit mir in ein Café im Einkaufszentrum gegangen. Frau Zschäpe kam dazu und unterschrieb Anwaltszettel, die ich übergeben sollte."

Zschäpe beißt ihre Zähne aufeinander und notiert auf einem karierten College-Block die Aussage. Schultze gesteht, dass die beiden Uwes mit ihm vom Café aus in ein leerstehendes Haus auf einer Baustelle gegangen seien, wo er ihnen die Waffe nebst Schalldämpfer übergeben habe. "Einer der beiden Uwes hat sofort an Ort und Stelle den Schalldämpfer auf die Pistole geschraubt, um auszuprobieren, ob auch alles passt. Er hantierte mit der Waffe. Ich nahm das Geld für die Waffe und ging allein zurück zum Bahnhof." Das Geld für die Waffe, 2500 Mark, habe er Wohlleben ausgehändigt, der davon unter anderem Telefonkarten für das Trio gekauft habe, sagt Schultze. Zschäpe rutscht tiefer in ihren Sitz. Sie wirkt angespannt, umfasst mit beiden Händen ihren Hals.

"Haben Sie denn gefragt, wofür die Waffe sein soll als der Wunsch nach der Beschaffung einer Pistole an Sie herangetragen wurde?", hakt Richter Götzl nach. "Nein", entgegnet Schultze. Er stockt und sagt dann mit weinerlicher Stimme: "Aber ich hatte so ein grundsätzlich positives Gefühl, was die Drei betrifft. Ich hatte das Gefühl, die Drei seien in Ordnung."

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