Afrika-Experte im Interview Andreas Eckert zu Korruption in Afrika und der Rolle des Westens

„Diktatur darf nicht der Preis des Wachstums sein“, sagt Afrika-Experte André Bochow.
„Diktatur darf nicht der Preis des Wachstums sein“, sagt Afrika-Experte André Bochow. © Foto: Privat
Berlin / André Bochow 08.08.2018
Der „Marshallplan mit Afrika“, den der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) immer wieder anpreist, ist eigentlich ein Plan für bestimmte Länder Afrikas. Wer sich nicht von der Korruption abwendet, wird von Deutschland nicht unterstützt. Andere Kriterien scheinen eine untergeordnete Rolle zu spielen. Darüber sprach André Bochow mit dem Afrikawissenschaftler Andreas Eckert.

Herr Prof. Eckert, Entwicklungsminister Müller will nur mit afrikanischen Ländern zusammenarbeiten, die Korruption wirksam bekämpfen. Klingt eigentlich vernünftig. Oder?

Das stimmt. Ich bin nur nicht so sicher, dass das klappen wird.

Warum nicht?

Weil schon in der Vergangenheit die Länder des Westens das Ende der Korruption in Afrika eingefordert haben, aber dann doch nie so genau hinschauten, wenn die Korruption munter weiterexistierte. Man darf nicht vergessen, dass Korruption häufig fest in der Gesellschaft verankert ist. Nicht etwa als etwas kulturell Gegebenes, sondern als Teil eines Wirtschaftssystems, an dem internationale Firmen ihren Anteil haben.

Warum ist Korruption so ein Problem? Man könnte doch sagen: Wenn sich alle darauf einstellen, wird es schon irgendwie laufen?

Für das Gemeinwohl ist Korruption eine Katastrophe. Es fehlen die Steuergelder, die in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung investiert werden müssten. Eliten und internationale Firmen bereichern sich auf Kosten der Massen – das ist das Schlimme an Korruption. Der Großteil der Bevölkerung leidet unter ihr und kritisiert sie, sieht sich aber häufig gezwungen, dabei mitzumachen, um überleben zu können.

Bei der Liste der Länder, mit denen Herr Müller zusammenarbeiten will, fällt auf, dass große, wichtige Länder fehlen. Nigeria zum Beispiel oder die Demokratische Republik Kongo. Ist es sinnvoll solche Länder von der Zusammenarbeit auszuschließen?

Nein, ist es nicht. Natürlich grassiert im Kongo die Korruption. Angefangen beim Präsidenten Kabila. Außerdem ist das Land extrem instabil. Aber an seinen Rohstoffen ist die ganze Welt interessiert. An Coltan, Kupfer oder Diamanten. Daran ändert sich auch nichts, wenn Deutschland beschließt, die Korruption in Afrika abschaffen zu wollen. Da müsste zumindest auf der europäischen Ebene Einigkeit herrschen. Die sehe ich nicht.

Außerdem hat Europa jahrzehntelang mit Joseph Kabilas Vorgänger Mobuto jahrzehntelang Geschäfte gemacht.

Und der war nun wirklich hochkorrupt. Mit Kabila wurden und werden auch kräftig Geschäfte gemacht. Da wirkt der hohe moralische Anspruch, nicht zuletzt der Deutschen, wenig glaubwürdig.

Gibt es seitens der internationalen Wirtschaft keinen ethischen Ansatz, angesichts der Tatsache, dass man zum Beispiel im Kongo Rohstoffe von korrupten Kriegstreibern kauft, die nicht davor zurückschrecken, sogar Kinder in den Bergwerken brutal auszubeuten?

Einen solchen Ansatz kann ich nicht erkennen. Ich fürchte, es geht weiter darum, möglichst billig viele Rohstoffe zu bekommen. Die Geschäfte laufen auch während der brutalen Bürgerkriege im Kongo. Übrigens würden sich bei uns die Waren massiv verteuern, wenn es anständige Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen gäbe. Zum Beispiel würden unsere Handys teurer.

Manche sagen: Es gibt sowieso keine lupenreinen Demokratien in Afrika. Da wäre es doch immer noch besser, Diktatoren sorgen dafür, dass die vorhandenen Mittel in die Entwicklung gesteckt werden, als dass schwache Demokraten sich die Taschen füllen und ihre Länder hungern lassen.

Das ist keine neue Debatte. Schon in den 70er Jahren wurde darüber diskutiert, ob eine stabile Diktatur das beste Entwicklungsmodell für die sogenannten Dritte Welt sei. Letztlich haben damit viele Politiker in Afrika ihre Einparteienregierungen legitimiert. Nach dem Motto: Wir sind ein Staat im Aufbau. Wir haben keine Zeit uns mit Demokratie, mit Opposition auseinanderzusetzen.

So ist es zum Beispiel derzeit in dem wirtschaftlich prosperierenden Ruanda, in dem auch erfolgreich die Korruption bekämpft wird.

Ja. Aber letztlich ist das eine Entwicklungsdiktatur. Und die Frage lautet: Ist der Verlust an Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, von Meinungs-und Pressefreiheit ein zu hoher Preis für Entwicklung oder nicht? Wenn man Länder wie Ruanda anschaut, dann scheint es dort eine gewisse Faszination für das chinesische Modell zu geben.

Auch unser Entwicklungsminister ist offenbar fasziniert. Denn Ruanda oder Äthiopien – das sind Länder mit denen er zusammenarbeiten will.

Genau. Und ich finde, Diktatur und Autokratie sollten nicht der Preis für eine akzeptable ökonomische Entwicklung sein. Aber offensichtlich gilt diese Ansicht inzwischen als randständig und blauäugig.

Und ist es nicht so, dass wir, wenn es um unsere eigenen Interessen geht, zum Beispiel darum, weniger Flüchtlinge im Land zu haben, mit allen zusammenarbeiten, die unser Geld nehmen? Etwa mit lybischen Warlords?

Und das untergräbt immer wieder die Glaubwürdigkeit deutscher Politik. Ich will Minister Müller keine bösen Absichten unterstellen, aber oft ist das Gegenteil von gut gemacht, gut gemeint. Es ist in Afrika schon länger aufgefallen, dass vielen hehren Worten des Westens nicht immer ebenso hehre Taten folgen. Die Zusammenarbeit mit korrupten Herrschern hat eine lange Tradition. Die nun häufig fortgesetzt wird, wenn es um Flüchtlinge, Rohstoffe, um Agrarflächen oder um Terrorismusabwehr geht.

Die Wirtschaftsbeziehungen müssen geändert werden, um der Korruption Herr zu werden?

Ja, natürlich. Unsere subventionierte Landwirtschaft und der Import von Rohstoffen zu Niedrigpreisen stören die afrikanischen Wirtschaften, denen man freie Märkte verschrieben hat. Der Glaube daran, dass der Markt schon alles regeln wird, hat nicht zu weniger, sondern zu mehr Korruption geführt. Schließlich sind unsere Firmen an der Korruption direkt beteiligt.

Also ist der Westen Teil des Korruptionsproblems in Afrika. Wie groß ist denn dieser Teil?

Das lässt sich nicht beziffern. Aber Fakt ist: Wenn der Westen nicht die Kraft aufbringt, das internationale Wirtschaftssystem zu reformieren, wird es den afrikanischen Staaten sehr schwer fallen, die Korruption zu bekämpfen.

Was ist eigentlich aus dem afrikanischen Aufbruch geworden? Vor etwa zwei Jahren haben Sie gesagt, ein Teil des Kontinents hat sich auf einen guten Weg gemacht, der andere nicht. Wie ist das heute.

Eigentlich immer noch so. Es geht auf und ab. In einem scheinbar stabilen, wenngleich sehr autokratisch regierten Land wie Kamerun brechen nun die Konflikte zwischen anglophonen und frankophonen Bevölkerungsteilen aus. Ghana ist stabil, der Senegal auch. Südafrika scheint sich zu stabilisieren. Der Kongo könnte kollabieren und wird es hoffentlich nicht. Was aber für den ganzen Kontinent ein Problem ist, das ist das enorme Bevölkerungswachstum…

…in Zukunft könnte nur noch jeder vierte junge Afrikaner Arbeit finden.

…Zum Beispiel. Und manche liebäugeln mit einer Ein-Kind-Politik, wie sie in China gegolten hat. Aber das kann nicht der richtige Weg sein. Aufklärung, Bildung und vor allem Stärkung der Position von Frauen in der Gesellschaft – das ist auf Dauer erfolgversprechend. Darüber sollte offen diskutiert werden und das scheint mir auch fast noch wichtiger zu sein als Korruptionsbekämpfung.

Zur Person: Andreas Eckert

Andreas Eckert, geb 1964, studierte Geschichte, Französisch und Journalistik in Hamburg, Yaoundé (Kamerun) und in Aix­-en­-Provence. 1995 promovierte er und war dann wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt­-Uni. Es folgten Lehraufträge in Leipzig, Hamburg, Bremen und eine Gastprofessur in Harvard. Er leitet das „Internationale Geisteswissenschaftliche Kolleg – „Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive“ an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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