Kairo An den Toren der Macht

Mursi-Anhänger feiern seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in Ägypten. Auch in anderen Staaten agieren die Muslimbrüder überaus erfolgreich. Foto: dpa
Mursi-Anhänger feiern seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in Ägypten. Auch in anderen Staaten agieren die Muslimbrüder überaus erfolgreich. Foto: dpa
Kairo / MARTIN GEHLEN 28.06.2012
In Ägypten, Tunesien und Marokko stellen die Muslimbrüder den Regierungschef. Auch in anderen arabischen Ländern spielen sie eine zunehmend wichtige Rolle. Ihre Ausrichtung unterscheidet sich aber deutlich.

Auf dem Tahrir-Platz jubelten Ägyptens Muslimbrüder, im Gazastreifen und den Enklaven der syrischen Rebellen knatterten Salven in den Himmel. Mohamed Mursi ist Präsident Ägyptens - für den sunnitischen politischen Islam der größte Erfolg in seiner modernen Geschichte. Noch nie zuvor war ein Mitglied der Muslimbruderschaft vom Volk in freier Abstimmung an die Spitze eines arabischen Landes gewählt worden.

Nach Jahrzehnten der Verfolgung und Illegalität rüttelt die islamistische Organisation damit in Ägypten, aber auch anderen Staaten mit Erfolg an den Toren der Macht. In Tunesien und Marokko stellen die Muslimbrüder inzwischen den Regierungschef. In Syrien spielen sie im Kampf gegen das Assad-Regime eine Schlüsselrolle. In Jordanien ist ihre "Islamische Aktionsfront" die wichtigste Partei in der Opposition. Und in Libyen hat die "Partei für Gerechtigkeit und Aufbau" die beste Ausgangsposition für die Wahlen in der kommenden Woche.

Sichtlich beklommen betrat Mursi Anfang der Woche das Amtszimmer von Husni Mubarak, der ihn 18 Monate zuvor noch nachts hatte aus dem Haus holen und verhaften lassen. Als Staatschef des bevölkerungsreichsten Landes der arabischen Welt verkörpert der promovierte Ingenieur fortan wie kein zweiter den Anspruch der ältesten und einflussreichsten islamischen Bewegung des Nahen Ostens, die politischen Geschicke der Region mitzusteuern.

Gegründet wurde die Muslimbruderschaft 1928 von dem Lehrer Hassan al-Banna in der ägyptischen Stadt Ismailia. Heute hat die Organisation, die sich nach wie vor als eine Mischung aus politischer Partei und Fürsorgebewegung versteht, Filialen in über dreißig Ländern - im Orient, Asien und Afrika.

So vielfältig die Filialen, so vielfältig sind auch deren Profile. Diverse Gruppen in Syrien und Libanon, wie auch in Palästina gehören zum radikalen Segment. Vor allem die Hamas fühlt sich in ihrem Kampf gegen Israel neu beflügelt. Am moderaten Ende des Spektrums wiederum stehen die islamistischen Parteien in Marokko und Tunesien. "Wir haben für die Freiheit gekämpft, nicht für die Scharia", erklärte Tunesiens Ennahda-Chef Rached el-Ghannouchi, dessen Partei bei den ersten demokratischen Wahlen gut 40 Prozent der Stimmen holte. Auf einen neuen Verfassungszusatz, der die Scharia als Hauptquelle des Rechts festschreibt, beharrt er nicht. Er sei kein zweiter Chomeini, einen Kopftuchzwang für Frauen werde es nicht geben.

Ägyptens Muslimbrüder nehmen eine Mittelstellung ein - und tragen daher ein dogmatisches und reformoffenes Doppelgesicht. Ihre Führung agiert nach wie vor wie eine Geheimloge hinter verschlossenen Türen. "Der Koran ist unsere Verfassung, die Scharia unser Gesetz", skandierten die Anhänger von Mursi auf dessen Wahlveranstaltungen, die gelegentlich durch Massengebete unterbrochen wurden. "Niemand kann uns stoppen, in eine islamische Zukunft zu marschieren", antwortete der Kandidat, der zur Stichwahl aber mit einer wesentlich geschmeidigeren Rhetorik überraschte. "Ich will einen demokratischen, zivilen und modernen Staat", sagte er und versprach, eine Frau und einen Kopten als Vizepräsidenten zu ernennen. Beim Recht der Frauen Scheidung einzureichen sowie beim Verbot weiblicher Genitalverstümmelung werde es keine Gesetzesänderungen geben. "Ich bin Präsident aller Ägypter", sagte er in der ersten Rede an die Nation und legte seine Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern offiziell nieder.

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