London Amnesty: Massenmord durch IS im Irak - Debatte um Waffen

London / EPD/DPA 03.09.2014
Die IS-Miliz soll schwerste Menschenrechtsverletzungen begangen haben. In Deutschland wird weiter über Waffenlieferungen an die Kurden gestritten - IS behauptet, deutsche Waffen erbeutet zu haben.

Die radikal-sunnitische Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) verübt im Nordirak nach Erkenntnissen von Amnesty International Kriegsverbrechen in großem Ausmaß. Dazu gehörten Massenmorde, Entführungen und die systematische Vertreibung ethnischer und religiöser Minderheiten, heißt es in einem gestern in London veröffentlichten Bericht.

IS hält seit Monaten Teile Syriens und des Irak besetzt. Allein seit dem 10. Juni hätten die Terroristen mehr als 830 000 Menschen vertrieben, teilte Amnesty mit. In dem Report werden unter anderem zwei Erschießungen in den irakischen Dörfern Qiniyeh und Kocho geschildert. In Qiniyeh südöstlich von Sindschar fiel den Terroristen eine Gruppe von mindestens 300 Jesiden in die Hände. 85 bis 90 von ihnen, darunter zwölfjährige Jungen, wurden sofort erschossen. Das Schicksal der Frauen und Kinder ist ungewiss.

IS habe abscheuliche Verbrechen begangen und die Sindschar-Region in ein blutgetränktes Schlachtfeld verwandelt, sagte die Amnesty-Beauftragte für Krisenregionen, Donatella Rovera. Allein unter den Jesiden seien möglicherweise tausende Menschen verschleppt worden, heißt es in dem Bericht.

Nach Angaben des auf die Überwachung islamistischer Webseiten spezialisierten US-Unternehmens "Site" veröffentlichten die Dschihadisten gestern ein Video, das die Enthauptung eines 31-jährigen US-Reporters zeigt.

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, ihre Ankündigung, zusätzliche Flüchtlinge aus dem Irak aufzunehmen, schnellstens zu verwirklichen.

Kontrovers wird weiter über Waffenlieferungen an kurdische Truppen im Nordirak debattiert. Der Rüstungsexperte Jan Grebe forderte mehr parlamentarische Kontrolle bei Ausfuhren. Auch der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz und Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping verlangten ein Mitspracherecht des Bundestags. Wiefelspütz verteidigte zugleich die geplanten Lieferungen an die Kurden. Dagegen nannte Hilmar Linnekamp von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik den Beschluss einen großen Fehler. Geliefert werden unter anderem Panzerabwehrwaffen, Sturm- und Maschinengewehre.

Hauptkritikpunkt ist, dass die Gefahr besteht, dass die Waffen in falsche Hände geraten. Neue Nahrung erhielt diese Befürchtung gestern: Der IS präsentiert in einem im Internet veröffentlichten Video deutsche und russische Waffen, die nach eigenen Angaben in Syrien erobert wurden. In dem Video zeigen IS-Kämpfer neben russischen Kampfjets und Artillerie auch mehrere Raketen, von denen einige auf Deutsch mit "Lenkflugkörper DM 72 - 136 mm Panzerabwehr" beschriftet sind. Es sind die ersten bekanntgewordenen Aufnahmen aus dem vergangene Woche von IS eroberten Militärflughafen Al-Tabka.

Die "Welt" berichtet, es handele sich bei den deutschen Raketen um den Typ "HOT" des ehemaligen deutsch-französischen Herstellers Euromissile. Die Raketen seien im Jahr 1981 an die Regierung Syriens geliefert worden, das damit seine Kampfhubschrauber ausgestattet hat.

Distanzierung

Erklärung Deutsche Islamwissenschaftler distanzieren sich von der "Ideologie des Hasses und der Gewalt" von IS. "Die Deutungshoheit über den Islam darf nicht Extremisten und Gewalttätern überlassen werden", heißt es in einer Erklärung der sechs Zentren für islamische Theologie. Sie müsse in Deutschland aus der Mitte der Gesellschaft heraus und an den Universitäten errungen werden. Dies sei umso wichtiger, da sich immer mehr junge Menschen in Europa dem Gedankengut des IS und anderer extremistischer Gruppierungen anschlössen. Bislang haben rund 50 Wissenschaftler die Erklärung unterschrieben. 

 

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