Stuttgart Am Stuttgarter Flughafen werden Körperscanner eingesetzt

Ein Passagier im Scanner: Auf dem Bildschirm ist ein Körperpiktogramm zu sehen.
Ein Passagier im Scanner: Auf dem Bildschirm ist ein Körperpiktogramm zu sehen. © Foto: Flughafen Stuttgart GmbH
Stuttgart / FABIAN ZIEHE 26.07.2013
Rechtzeitig zum Ferienbeginn ist am Stuttgarter Flughafen die Sicherheitstechnik ausgebaut worden: Für die meisten Passagiere sind die neuen Körperscanner eine problemlose Sache - aber nicht für alle.

Die Kabine ist ein hoher Zylinder, Streben, dazwischen Glas. Der Sensor saust um den Körper. Drei Sekunden stehen, die Füße breitbeinig auf gelben Markierungen am Boden, die Hände angewinkelt in die Höhe - fertig. "Das ist für die Reisenden angenehm, weil es schnell geht", sagt Dietmar Thomma, Sprecher der Bundespolizei am Flughafen Stuttgart. Auf dem Display erscheinen gelbe Punkte. Gürtel, Handy und Kuli - alles entdeckt.

Zwei Scanner stehen seit anderthalb Monaten am Stuttgarter Flughafen. Wohlgemerkt: "Körperscanner". Das Wort "Nacktscanner" korrigiert Thomma umgehend. "Zu sehen ist nur ein Piktogramm", sagt er, die Umrisse eines Mannes oder einer Frau. Bei zwei Fundstellen kontrolliert das Personal die markierten Körperteile. Bei mehr bedarf es der manuellen Kontrolle des ganzen Körpers. Bisher sind die Geräte lediglich zur Zweitkontrolle bei USA-Flügen im Einsatz - nicht nur in Stuttgart, sondern auch in Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf. Bayern regelt seine Luftsicherheit selber und verzichtet noch auf das neue Gerät. Auch in Berlin-Tegel gibt es US-Direktflüge - dort sei der Einsatz wegen der "räumlichen Gegebenheiten nicht möglich", teilt das Bundesinnenministerium der SÜDWEST PRESSE mit.

Kein Problem: Die Amerikaner verlangen zwar eine zweite Sicherheitskontrolle - egal aber, ob per Scanner oder Metalldetektor. Das Innenministerium forciert trotzdem den weiteren Aufbau der Scanner - obgleich etwa in Stuttgart die Zahl der Transatlantikflüge gering ist. Über das Vehikel USA-Flüge werden die als "zukunftsweisende Technologie" gepriesenen Scanner schrittweise eingeführt. "Man nähert sich so dem Einsatz der Scanner an", sagt ein Ministeriumssprecher. "Wir sind der Auffassung, dass die Geräte die bestmögliche Sicherheit bieten." Zudem hofft man, mit besserer Software künftig weniger zeitfressende Fehldetektionen zu haben. Dann könne man den Einsatz ausbauen: "Das ist denkbar, sofern die Technik das hergibt." Ziel sei nicht, Sicherheitspersonal einzusparen, versichert der Sprecher.

In Großbritannien gilt: Wer nicht durch den Scanner will, fliegt nicht mit. In Deutschland gibt es bisher keine solche Pflicht. Wer nicht will, kann ohne Begründung eine manuelle Kontrolle verlangen - bei Wunsch in einem separaten Raum. "Wir hatten noch keinen, der sagt, er will nicht - viele sind neugierig auf das Gerät", sagt Thomma. Hinsichtlich der Zuverlässigkeit, Gegenstände zu finden, sei der Scanner nicht besser, aber ebenbürtig mit der Metalldetektor-Technologie. "Uns bringt das Gerät aber einen Zeitgewinn."Scanner sind Teil der Neuerungen, die seit den Anschlägen 2001 in den USA die Sicherheit in der zivilen Luftfahrt erhöhen sollen. Generell wird seither an Flughäfen mehr kontrolliert.

Ortswechsel: der Campus Morgenstelle der Universität Tübingen. Das Internationale Zentrum für Ethik in der Wissenschaft lädt zum Besuchertag ein. In einem Raum steht ein Scanner im Dienste des Projekts "Kreta" - "Körperscanner: Reflexion der Ethik auf Technik und Anwendungskontexte". 1,2 Millionen Euro plus Scanner und sieben Stellen hat das Bundesforschungs- ministerium bereit gestellt. Für eine Geisteswissenschaftlerin wie die Ethik-Professorin Regina Ammicht Quinn eine stolze Summe.

Ein 71-Jähriger lässt sich das Gerät erklären, dann wagt er den Scan. "Ich habe gedacht, dass man mehr erkennt", sagt er danach. "Ist doch "ne gute Sache", meint er, das Abtasten sei unangenehmer. "Ich bleibe anonym, kein Name wird registriert, das kann ich in Kauf nehmen." Ihm folgt ein 33-jähriger Student. Auch er lobt die Technik: "So wie das Gerät funktioniert, ist das nicht problematisch." Das "Kreta"-Team hat solche Infotage auch schon Rollstuhlfahrern, Inkontinenz-Patienten oder Prothesen-Trägern angeboten. Es sieht seine Aufgabe in der ethischen Einschätzung und der Aufklärung. Die Empörung vor fünf Jahren hat bewirkt, dass statt nackter Tatsachen nur noch Piktogramme zu sehen sind.

Ist das Problem also gelöst? In der Praxis erforscht das die Soziologin Maria Beimborn. Das Gerät erkennt, was nicht zur üblichen Hautoberfläche gehört - Blasenkatheter, Prothese, OP-Narben. Was kleiner als ein Zwei-Euro-Stück ist oder unter der Haut liegt, bleibt verborgen. Das betrifft Gruppen, "die schon Erfahrungen mit Diskriminierung haben", sagt Beimborn. Ammicht Quinn ergänzt, es seien Menschen, "die oft viel Aufwand betreiben, um als normal" durchzugehen".

Bei den Scannern ist die Voreinstellung "Mann" oder "Frau" zu wählen. Was ist mit Menschen, deren biologisches Geschlecht sich vom sozialen unterscheidet? Sie sehen aus wie eine Frau, haben aber einen Penis, den der Scanner im Monitor markiert. Was macht der Rheumapatient, der seine Arme nicht über Kopfhöhe halten kann? Und was der Geschäftsreisende mit Inkontinenz-Einlage, der sich vor den Kollegen nicht outen will? Manche Menschen haben Angst vor dem Gerät, weil sie es nicht verstehen. Oder sie fürchten die Strahlung - noch gibt es keine Langzeitstudien.

Dabei sind die Scanner an den Flughäfen längst Realität. "Da passiert viel, bevor man es zu Ende denken konnte", kritisiert Beimborn. Im Innenministerium sieht man die Wahrung der Intimsphäre als gegeben an. "Allein die Markierung in einem Piktogramm ist noch nicht diskriminierend", sagt der Sprecher. Persönlichkeitsverletzungen hält er für ausgeschlossen, auch wenn Passagiere das Scan-Ergebnis des Vordermanns auf dem Monitor sehen.

2014 wird "Kreta" den Abschlussbericht vorlegen. Ammicht Quinn wird darin vermerken, wie unkompliziert und schnell der Scanner für viele ist. "Eine Gesellschaft ist aber daran zu messen, wie sie mit Minderheiten umgeht", sagt sie. Sicherheit habe einen Preis, der bezahlt werden muss. Mit Geld, eingeschränkter Privatsphäre oder Freiheit: "In dem Fall der Körperscanner zahlen wenige Menschen einen deutlich höheren Preis als andere."

So funktioniert der Apparat
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